Dienstag, 13. Juni 2017

Post Mortem (Part 3)

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»Was meinen Sie, Sie können damit nichts anfangen!?«
Der leitende Beamte, Rogers, stöhnte: »Jetzt beruhigen Sie sich. Wie stellen Sie sich das vor? Das sind hunderte von Kommentaren. Erstmal müssten wir versuchen, den echten Namen von jedem User rauszufinden, dann jeden vorladen. Ein monatelanges Verfahren und wofür? Das ist ein Aufwand für eine Sache, die vor Gericht keinen Stand hat. Wir müssen denjenigen finden, der das hochgeladen hat.«
»Ein Aufwand!?«, Wut stieg in mir hoch. 
»Hören Sie, ich verstehe Sie. Wirklich. Sie wollen ihrer Schwester helfen. Aber so funktioniert das leider nicht.«
»Das ist Mobbing! Cybermobbing! Sie wurde fast vergewaltigt.«
»Ja, fast.«
»Wie bitte!? Ist das jetzt ein Nachteil? Hätte man sie schänden sollen? Vor laufender Kamera!?«, ich wurde immer lauter. Dieser Mann wollte mich nicht verstehen.
»Nein, ich meine, dass Sie froh sein können, dass es nicht so weit gekommen ist!«, nun wird auch Rogers lauter.
Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen und lag den Kopf in die Hände. Meine Schwester saß nur da und hörte zu. Sie sah starr zur Wand, als würde sie gar nichts hören. Ich nahm ihre Hand und sie schloss kurz die Augen und schluckte.
»Darf ich im Flur warten?«, fragte sie plötzlich.
Rogers nickte, »Natürlich.«
Sie ging raus und ich sah ihr hinterher.
»Ich hätte eben nicht so reagieren dürfen. Ich habe keine Rücksicht auf sie genommen.«, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu Rogers.
»Nein, machen Sie sich keinen Vorwurf. Sie versuchen alles menschenmögliche, um ihrer Schwester zu helfen. Dass Ihnen das alles auch nahe geht, ist doch vollkommen verständlich. Sie sind auch nur ein Mensch. Natürlich sind sie wütend. Das bin ich auch. Ich habe auch eine Tochter in ihrem Alter. Sie studiert an der selben Uni. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn ihr das passiert wäre.«
»Weiß sie etwas?«, fragte ich, als ich plötzlich aufschaute.
»Wer?«
»Ihre Tochter.«
»Ich bitte Sie. Sie ist ein gutes Kind. Mit solchen Perversitäten hat sie nichts zu tun.«, sagte Rogers. 
»Aber vielleicht hat sie was gehört.«
»Überlassen Sie mir die Ermittlungen. Haben Sie im Krankenhaus die Karte von dem Therapeuten bekommen?«
»Ja.«
»Dann sollten Sie diesen mit ihrer Schwester aufsuchen. Ich glaube in so einer Situation ist professionelle Hilfe nie verkehrt.«
Ich nickte ab und stand auf. Trotzdem fühlte ich mich vor den Kopf gestoßen. Wollte er mich loswerden? Ich hatte ein komischen Gefühl. Gleichzeitig dachte ich aber, dass ich einfach überempfindlich war und auf alles gereizt reagierte.
Im Flur sah ich meine Schwester wieder an die Wand starren. 
»Sabrina?«, fragte ich, aber keine Reaktion. Erst als ich meine Hand auf ihre Schulter legte, sah sie mich an. Sie hatte wieder Tränen in den Augen. Ich kniete mich zu ihr und nahm sie in den Arm.
»Ich verspreche dir, dass alles wieder gut wird. Ich werde dafür sorgen, dass diese Schweine alle ihre Strafe kriegen.«, sagte ich und drückte mein Gesicht in ihre Haare. Mir kamen die Tränen, aber ich versuchte sie so gut es ging runterzuschlucken. Plötzlich vibrierte ihr Handy und ich merkte, wie sie die Luft anhielt.
Bildergebnis für tumblr alone in the dark»Sabrina, was ist?«, fragte ich und ließ sie langsam los. Wieder laufen ihr leise Tränen über das Gesicht und sie schaut durch mich hindurch. Ihr Handy lässt sie fallen. Ich hebe es auf und schaue auf den Display.
"Du bist echt ekelhaft. Sich so im Netz zu präsentieren..."
"Ladys betrinken sich nicht. Und du bist auch keine. So stramm... bäh."
"Ganz ehrlich, wer sich so abschießt, hat's nicht anders verdient."
"Geh doch einfach sterben."
"#killyourself"
"Du bist in meiner Achtung echt meilenweit gesunken. Wie kann man sich nur so geben?"
Unzählige Nachrichten, alle derselben Sorte. Ich ließ das Handy sinken und schaute zum Büro von Rogers. Meine erste Intuition war es, durch seine Tür zu stürmen. Aber so, wie er mich abwies, hatte es keinen Sinn.
»Komm.«, sagte ich nur und half meiner Schwester auf. Wir fuhren zu der Adresse auf der Visitenkarte, die man uns im Krankenhaus gab.

Die Praxis der Therapeutin war eher klein. Was gar nicht so schlecht war, denn die Patientenstamm war da dadruch auch eher gering und Sabrina konnte eigentlich direkt zur Therapeutin. Ich musste allerdings draußen warten. Ich nutzte die Zeit zum durchatmen und ich rief unsere Eltern an.
Die Bombendrohung stellte sich als überaus geschmackloser Scherz von ein paar Jugendlichen heraus, die aber wohl schon bereits von der Polizei verhaftet wurden.
Der Flughafen würde im Chaos versinken, da viele Passagiere trotzdem Angst und Panik verbreiteten. Meine Eltern mussten wohl oder übel noch warten.
Ich berichtete ihnen den Stand der Dinge. Ich konnte nicht weiter hinterm Berg damit halten. Unsere Eltern mussten Bescheid wissen. Meine Mutter brach in Tränen aus, mein Vater war einfach still.
Für uns alle war das alles extrem schwer, wie war es dann wohl für Sabrina?

Eine Stunde war sie mit der Therapeutin im Nebenzimmer, bis sie beide rauskamen. Sabrina ging an mir vorbei und sagte nur leise, dass sie schon mal zum Auto ginge. Ich sah ihr verdutzt hinterher und dann zur Therapeutin. Sie sah nicht zufrieden aus.
»Würden Sie mich kurz in mein Büro begleiten?«, fragte sie und drehte sich beim sprechen bereits um. Ich folgte ihr ohne eine Antwort zu geben und saß mich auf einen der Stühle vor ihrem Schreibtisch.
»Sie sind Rob.«
»Stimmt.«
»Ich bin Dr. Carter.«, sagte sie und rückte ihren Stuhl zurecht und setzte sich. Ich antwortete nicht, sah sie nur skeptisch an. 
»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie und faltete ihre Hände ineinander.
»Ich glaube solche Fragen sollten Sie lieber meiner Schwester stellen.«
»Das habe ich.«
»Und?«
»Sie wissen, dass ich Ihnen das nicht sagen darf.«
»Ich bin ihr Bruder.«
»Und ich muss mich an die ärztliche Schweigepflicht halten.«
Ich stöhnte, sie seufzte.
»Ihrer Schwester geht es nicht gut. Sie hat die ganze Zeit über, wo sie hier saß, nicht geredet. Ich stellte Fragen, bekam keine Antwort. Sie hat ein Trauma.«
Ich sah erschrocken hoch.
»Sie haben Ihre Schweigepflicht ja schnell über Bord geworfen.«
Sie sah mich unbeeindruckt hat. »Denken Sie? Ich habe Ihnen keine Inhalte ihrer Aussagen weiter gegeben, weil sie mir nichts gesagt hat. Ich habe Ihnen lediglich meine Einschätzung mitgeteilt.«, sagte sie. Sie war gut.
»Stimmt.«
»Also?«
»Ja?«
»Wie geht es Ihnen?«
»Hören Sie, ich weiß das hier gerade echt zu schätzen. Aber draußen sitzt meine Schwester gerade und ich lasse sie ungerne alleine. Ich möchte gerne zu ihr. Also kurz gesagt, ich habe da jetzt keine Zeit für.«, sagte ich und stand auf.
»Ihre Schwester wird nicht weglaufen. Aber mit Ihnen reden, wird sie jetzt auch nicht.«
»Und was soll ich jetzt tun?«
»Mit mir reden. Ihre Einschätzung der Ereignisse könnte mir helfen, ihrer Schwester zu helfen.«
Das überzeugte mich, also erzählte ich ihr alles und sie machte sie Notizen. 

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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