Dienstag, 6. Juni 2017

Post Mortem (Part 2)

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Ich rief direkt die Polizei an. Und diesmal ließ ich mich nicht abwimmeln. Ich blieb penetrant bis ich zum leitenden Beamten durchgestellt wurde, der trotz gegenteiliger Aussage der Sekretärin, doch im Haus war.
»Haben Sie das Video gesehen?«, fragte ich direkt ohne Umschweife.
»Was meinen Sie?«
»Es wurde ein Video aufgenommen, als meine Schwester misshandelt und beinahe vergewaltigt wurde!«, erklärte ich ihm aufgebracht und erzählte ihm sämtliche Einzelheiten über den Inhalt und wo es überall zu finden sei.
»Und wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen?«, fragte ich, nachdem er sich alles notiert hatte.
»Dazu würde ich Sie und Ihre Schwester bitten, morgen früh ins Präsidium zu kommen. Passt Ihnen 9:00 Uhr?«
»Selbstverständlich.«
Unsere Eltern riefen an und sagten, dass sie tatsächlich keinen Flieger nehmen konnten. Durch eine Bombendrohung am Flughafen seien sämtliche Flüge gecancelt worden. Was für ein schlechter Witz. Wieso genau zu dann, wenn meine Schwester sie brauchte? Das Universum wollte uns einen auswischen. Ihr.
Ich sagte ihnen, dass sie zu Hause bleiben sollten und ich alles im Griff hätte. 
»Sabrina geht es den Umständen entsprechend gut. Sie schläft. Passt lieber auf euch auf und nehmt erst dann einen Flug, wenn wirklich alles sicher ist.«
Gott sei Dank, waren unsere Eltern schon immer vernünftig gewesen und stimmten mir zu. Sie wollten trotzdem wissen, was die Ermittlungen bisher ergeben hatten und so erklärte ich ihnen alles nochmal ausführlich. Außer die Sache mit den Video. Ich brachte es nicht über mich. Mich selbst schockierte diese Perversion auch so sehr, wie sollten sich dann meine Eltern fühlen?

Meine Schwester schlief fast die ganze Nacht durch, ich tat kein Auge zu. Ich lag neben ihr und starrte die Decke an bis ich aufstand und versuchte die Schweine im Netz zu finden, die diese Videos hochgeladen hatten.
Das war aber gar nicht so einfach, denn unzählige User posteten dieses Video. Und das überall. Ich machte eine Liste und schrieb jeden darauf, der dieses Video postete, teilte und likte. Ich schrieb sie alle auf, die ganze Nacht bis in den Morgen. Bis meine Schwester um 5:37 Uhr aufwachte.
»Rob?«, fragte sie noch schläfrig, aber auch leicht ängstlich.
Ich sprang sofort auf: »Ich bin hier, alles ist gut.«
»Was machst du da?«
»Nichts, nur der Polizei ein bisschen unter die Arme greifen.«
»Und wie?«, fragte sie unsicher.
»Darauf musst du dich im Moment nicht konzentrieren. Ruh dich aus.«, sagte ich.
»Es geht um das Video, nicht wahr?«
Ich wich ihrem Blick aus.
»Rob?«
»Ja.«
»Ich will es sehen.«
»Auf gar keinen Fall.«
»Rob, bitte. Ich bin drauf, ich habe ein Recht darauf.«
Ich seufzte. Ich wusste, dass ich es sowie so nicht verhindern konnte. Ich ging einen Schritt zur Seite, sodass sie mein Notebook sehen konnte. Sabrina stand auf und setzte sich an den kleinen Schreibtisch. Ich hatte den Tab von YouTube noch geöffnet und sie drückte auf Play.
Sie saß steif da, wie eine Statue und verzog keine Miene. Sie sah es sich einfach an, so als sei sie hypnotisiert.
Nachdem es zu Ende war, scrollte sie weiter nach unten und fing an die Kommentare zu lesen. 
Bildergebnis für bullying pictures tumblr»Was für eine Schlampe, Stirb du Luder, Du bist widerlich, Antwort darauf: Besser widerlich, als wieder nicht. Die genießt das richtig, Was für eine dreckige Hure.«, las meine Schwester die Kommentare vor. Eins nach dem anderen und dabei so kalt und abgeklärt, als sei sie eine Maschine.
»Sabrina, hör auf.«, sagte ich. Aber sie hörte nicht auf mich. Sie scrollte und las, scrollte und las. Ich sah die Tränen in ihr aufsteigen und klappte das Notebook zu.
Danach brach sie wieder unter Tränen zusammen und beruhigte sich nicht mehr. Ich rief bei der Telefonnummer der Psychologin an, die man uns im Krankenhaus gegeben hatte. Aber da lief nur der Anrufbeantworter. Natürlich.
Ich nahm sie in den Arm und ließ sie trauern. Ich sagte ihr die ganze Zeit, dass ich dafür sorgen würde, dass man all diese Schweine festnimmt und sie alle ihre Strafe bekommen würden. Und wenn es das letzte wäre, was ich tue. Sie sagte nichts, weinte nur. Sie weinte und weinte, bis sie irgendwann vor Erschöpfung wieder einschlief.
Ich weckte sie gegen acht nochmal und schickte sie ins Badezimmer zum Duschen. Danach fuhren wir zur Polizei. Auf der Rückbank lag meine Tasche mit meiner Liste.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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