Mittwoch, 24. Mai 2017

Post Mortem (Part 1)

Es war nachts um halb vier, als meine kleine Schwester mich völlig aufgelöst anrief.
»Was ist passiert?«
»Rob, ich weiß nicht wo ich bin.«
»Was?«
»Hilf mir!«, weinte sie.
Ich sprang auf und versuchte sie zu beruhigen. Sie war völlig durcheinander. Nach zehn Minuten konnte sie mir sagen, dass sie an einer Bahnstation stadtauswärts war. Ich zog mir schnell was über und fuhr los.
Ich war geschäftlich in der Stadt und übernachtete in einem Hotel. Meine Schwester studierte seit einem halben Jahr hier in Boston Geschichte und lebte in einem Studentenwohnheim. Bei ihr übernachten kam natürlich nicht in Frage.
Ich fand sie ängstlich hinter einer Laterne stehen. Sie hatte verschmierte Schminke und dicke Augen vom weinen. Ihr Oberteil war zerrissen und sie hatte wunde Knie.
»Oh Gott, Sabrina! Was ist passiert?«, fragte ich, als ich aus dem Auto sprang und zur ihr eilte.
»Ich weiß es nicht. Ich war plötzlich hier. Ich-, ich-, ich weiß nicht. Irgendwas stimmt nicht.«, wimmerte sie und weinte plötzlich wieder.
Ich brachte sie sofort in ein Krankenhaus. Dort untersuchte man sie und stellte fest, dass ihr das Mittel GHB verabreicht wurde. K.O.-Tropfen. Sie hatte auch deutliche Abschürfungen und blaue Flecken an den Knien, Oberschenkeln, Hüften und der Brust. Aber die Gynäkologin sagte, dass keine Vergewaltigung stattgefunden hat. Aber man hatte es wohl versucht. Die Polizei kam und nahm meine und ihre Aussagen auf.
Sabrina war auf einer Studentenparty in einem Verbindungshaus. Sie war glücklich, sie hatte erst vor kurzem Freunde gefunden. Eine richtige Clique. Das sollte ihre erste Uniparty sein.
Das Letzte, woran sie sich erinnerte war, dass sie durch die Tür kam und ihr jemand ein Bier in die Hand drückte. Dann war alles schwarz und sie wachte am Stadtrand wieder auf.
Sie sollte die Nacht im Krankenhaus bleiben und die Polizei fuhr zur Party. An Schlaf war nicht zu denken. Ich rief unsere Eltern an, erklärte ihnen alles. Sie wollten in den nächsten Flieger steigen, seien am Nachmittag da. Aber am Morgen wurde Sabrina schon entlassen. Ihr ginge es den Umständen ja ganz gut. Also gab man ihr Schmerzmittel und die Telefonnummer einer Psychologin. Den Rest würde man in den Bericht für die Polizei schreiben. So schnell geht das. So einfach ist das.
Die Polizei meldete sich auch nicht. Ich rief dutzende Male an, aber man sagte mir nur immer wieder, das die Beamten gerade in der Ermittlung seien und ich mich gedulden solle.
Ich wollte sie ins Studentenheim bringen, aber da wollte sie patout nicht hin. Aber in mein Hotel wollte sie auch nicht. Sie bestand darauf zur Uni zu gehen.
»Ich habe gleich eine Vorlesung.«, sagte sie, als wir an einer roten Ampel standen.
»Ja und?«
»Die möchte ich nicht verpassen.«
»Das tut mir leid.«
»Rob, bitte.«
»Spinnst du? Sag mal, ist dir bewusst, was die letzten zwölf Stunden passiert ist!?«, fuhr ich sie an.
»Ja! Aber ich kann jetzt nicht rumsitzen und daran denken! Ich werde sonst verrückt! Ich muss mich ablenken!«, schrie sie zurück.
Dann stieg sie einfach aus und stapfte die Straße hinunter. Es wurde grün und ich konnte nicht losfahren. Ich sah ihr nur hinterher. Ich beschloss zum Campus zu fahren und dort zu warten, falls was passieren würde. Ich war furchtbar gereizt. »Irgendeiner von euch wollte meine kleine Schwester vergewaltigen.«, dachte ich, während ich die Studenten dabei beobachtete, wie sie lachten, lasen oder einfach über den Rasen gingen. Genau das wurde mir erst jetzt bewusst. In mir stieg die Wut hoch. Wer war es? Wer war auf der Party? Was ist da passiert? 
Ich sagte alle meine Termine ab und blieb im Auto. Dann bekam ich plötzlich eine SMS.
»Rob, du musst mich holen sofort!«, schrieb meine Schwester.
Ich rief sie an: »Ich bin auf dem Campus, wo bist du?«
»Gleich beim Parkplatz.«, sagte sie, während sie wieder weinte.
Ich sah mich um und sah sie auf mich zukommen. Ich rannte auf sie zu und nahm sie in den Arm.
»Was ist passiert!?«, fragte ich.
»Es gibt ein Video.«, weinte sie in meine Brust.
»Ein Video? Wovon?«
»Von mir auf der Party.«, sie sackte zu Boden.
»Sabrina, beruhige dich.«, sagte ich und ging auf die Knie. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Was macht man in so einer Situation denn auch!?
»Es ist auf YouTube, Facebook, Instagram, Snapchat. Es ist überall.«, sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
Ich trug sie ins Auto und fuhr mit ihr ins Hotel. Nachdem sie sich beruhigt hatte und eingeschlafen war, machte ich meinen Laptop an. Ich musste nicht lange suchen.
Auf dem Unikanal und der Uniseite war es ganz oben. "Sabrina get's wet and wild" war der Titel. Ich musste einmal schlucken und tief durchatmen. Aber dann klickte ich es an.

Bildergebnis für drunk tumblrMan sah direkt, dass meine Schwester komplett auf Droge war. Ihre Augenlider hingen, wie ihre komplette Mimik. Sie lag auf dem Esszimmertisch und ein paar Typen mit Masken standen um sie herum. Sie packten sie hart an, drehten und wendeten sie wie einen Burger, zerrten an ihren Klamotten und lachten. Dann zog einer an ihrem Rock, ein anderer machte seine Hose auf. Alle lachten, schrien, ein paar wenige waren entsetzt und drehten sich weg oder gingen.
Ein rothaariges Mädchen war auf einmal im Bild und wollte die Jungs zurecht weisen, aber sie wurde nur weggeschubst. Aber sie ließ nicht locker und sagte den Jungen immer wieder, sie sollen aufhören. Sie seien weit genug gegangen. Ein Handgemenge begann, der Rothaarigen wurde ins Gesicht geschlagen und meine Schwester war mittendrin. Sie fiel vom Tisch, dann war das Video vorbei. 
Ich war schockiert. Wirklich aus tiefstem Herzen schockiert. Wer hatte das meiner Schwester angetan?

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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