Montag, 19. Juni 2017

#love

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Liebe ist so reich
und noch viel mehr,
wenn wir lieben, dann sehr.


Liebe ist bedingungslos,
Liebe ist echt,
Liebe ist niemals irgendwie schlecht.


Klar, sie tut auch manchmal weh,
das hat jeder mal erlebt,
ein Schmerz, der die Sinne belebt.


Wir werden sie nie vergessen,
die Liebschaft und den Schmerz,
die so tief gingen ins Herz.


Wir vergessen nie,
wen wir einst liebten.
Als die Endorphine alles andere besiegten.


Als die guten Tage Standard waren,
und als man dachte, man hatte Schmetterlinge
im Bauch und würde Achterbahn fahren.


Doch war sie nicht die Richtige,
hatte sie ein Ende.
Das ist okay, eine natürliche Wende.


Doch ist sie richtig und wahrhaftig,
so ist sie unbeschreiblich und
unendlich.


Rosa Brillen, Achterbahn
und Schmetterlinge,
alles wunderschöne Dinge.


Ein Blick der alles sagt,
mehr als tausend Worte.
Mit dir hier und an ferne Orte.


Ein Lächeln, eine Berührung,
oh, Bauchkribbeln.
als würde eine Basketballmannschaft
ihre Bälle dribbeln.


Der Himmel ist rot, hat einen Goldschimmer,
ja, dich liebe ich.
Für jetzt und für immer.



© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Dienstag, 13. Juni 2017

Post Mortem (Part 3)

HIER geht es zu Part 2

»Was meinen Sie, Sie können damit nichts anfangen!?«
Der leitende Beamte, Rogers, stöhnte: »Jetzt beruhigen Sie sich. Wie stellen Sie sich das vor? Das sind hunderte von Kommentaren. Erstmal müssten wir versuchen, den echten Namen von jedem User rauszufinden, dann jeden vorladen. Ein monatelanges Verfahren und wofür? Das ist ein Aufwand für eine Sache, die vor Gericht keinen Stand hat. Wir müssen denjenigen finden, der das hochgeladen hat.«
»Ein Aufwand!?«, Wut stieg in mir hoch. 
»Hören Sie, ich verstehe Sie. Wirklich. Sie wollen ihrer Schwester helfen. Aber so funktioniert das leider nicht.«
»Das ist Mobbing! Cybermobbing! Sie wurde fast vergewaltigt.«
»Ja, fast.«
»Wie bitte!? Ist das jetzt ein Nachteil? Hätte man sie schänden sollen? Vor laufender Kamera!?«, ich wurde immer lauter. Dieser Mann wollte mich nicht verstehen.
»Nein, ich meine, dass Sie froh sein können, dass es nicht so weit gekommen ist!«, nun wird auch Rogers lauter.
Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen und lag den Kopf in die Hände. Meine Schwester saß nur da und hörte zu. Sie sah starr zur Wand, als würde sie gar nichts hören. Ich nahm ihre Hand und sie schloss kurz die Augen und schluckte.
»Darf ich im Flur warten?«, fragte sie plötzlich.
Rogers nickte, »Natürlich.«
Sie ging raus und ich sah ihr hinterher.
»Ich hätte eben nicht so reagieren dürfen. Ich habe keine Rücksicht auf sie genommen.«, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu Rogers.
»Nein, machen Sie sich keinen Vorwurf. Sie versuchen alles menschenmögliche, um ihrer Schwester zu helfen. Dass Ihnen das alles auch nahe geht, ist doch vollkommen verständlich. Sie sind auch nur ein Mensch. Natürlich sind sie wütend. Das bin ich auch. Ich habe auch eine Tochter in ihrem Alter. Sie studiert an der selben Uni. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn ihr das passiert wäre.«
»Weiß sie etwas?«, fragte ich, als ich plötzlich aufschaute.
»Wer?«
»Ihre Tochter.«
»Ich bitte Sie. Sie ist ein gutes Kind. Mit solchen Perversitäten hat sie nichts zu tun.«, sagte Rogers. 
»Aber vielleicht hat sie was gehört.«
»Überlassen Sie mir die Ermittlungen. Haben Sie im Krankenhaus die Karte von dem Therapeuten bekommen?«
»Ja.«
»Dann sollten Sie diesen mit ihrer Schwester aufsuchen. Ich glaube in so einer Situation ist professionelle Hilfe nie verkehrt.«
Ich nickte ab und stand auf. Trotzdem fühlte ich mich vor den Kopf gestoßen. Wollte er mich loswerden? Ich hatte ein komischen Gefühl. Gleichzeitig dachte ich aber, dass ich einfach überempfindlich war und auf alles gereizt reagierte.
Im Flur sah ich meine Schwester wieder an die Wand starren. 
»Sabrina?«, fragte ich, aber keine Reaktion. Erst als ich meine Hand auf ihre Schulter legte, sah sie mich an. Sie hatte wieder Tränen in den Augen. Ich kniete mich zu ihr und nahm sie in den Arm.
»Ich verspreche dir, dass alles wieder gut wird. Ich werde dafür sorgen, dass diese Schweine alle ihre Strafe kriegen.«, sagte ich und drückte mein Gesicht in ihre Haare. Mir kamen die Tränen, aber ich versuchte sie so gut es ging runterzuschlucken. Plötzlich vibrierte ihr Handy und ich merkte, wie sie die Luft anhielt.
Bildergebnis für tumblr alone in the dark»Sabrina, was ist?«, fragte ich und ließ sie langsam los. Wieder laufen ihr leise Tränen über das Gesicht und sie schaut durch mich hindurch. Ihr Handy lässt sie fallen. Ich hebe es auf und schaue auf den Display.
"Du bist echt ekelhaft. Sich so im Netz zu präsentieren..."
"Ladys betrinken sich nicht. Und du bist auch keine. So stramm... bäh."
"Ganz ehrlich, wer sich so abschießt, hat's nicht anders verdient."
"Geh doch einfach sterben."
"#killyourself"
"Du bist in meiner Achtung echt meilenweit gesunken. Wie kann man sich nur so geben?"
Unzählige Nachrichten, alle derselben Sorte. Ich ließ das Handy sinken und schaute zum Büro von Rogers. Meine erste Intuition war es, durch seine Tür zu stürmen. Aber so, wie er mich abwies, hatte es keinen Sinn.
»Komm.«, sagte ich nur und half meiner Schwester auf. Wir fuhren zu der Adresse auf der Visitenkarte, die man uns im Krankenhaus gab.

Die Praxis der Therapeutin war eher klein. Was gar nicht so schlecht war, denn die Patientenstamm war da dadruch auch eher gering und Sabrina konnte eigentlich direkt zur Therapeutin. Ich musste allerdings draußen warten. Ich nutzte die Zeit zum durchatmen und ich rief unsere Eltern an.
Die Bombendrohung stellte sich als überaus geschmackloser Scherz von ein paar Jugendlichen heraus, die aber wohl schon bereits von der Polizei verhaftet wurden.
Der Flughafen würde im Chaos versinken, da viele Passagiere trotzdem Angst und Panik verbreiteten. Meine Eltern mussten wohl oder übel noch warten.
Ich berichtete ihnen den Stand der Dinge. Ich konnte nicht weiter hinterm Berg damit halten. Unsere Eltern mussten Bescheid wissen. Meine Mutter brach in Tränen aus, mein Vater war einfach still.
Für uns alle war das alles extrem schwer, wie war es dann wohl für Sabrina?

Eine Stunde war sie mit der Therapeutin im Nebenzimmer, bis sie beide rauskamen. Sabrina ging an mir vorbei und sagte nur leise, dass sie schon mal zum Auto ginge. Ich sah ihr verdutzt hinterher und dann zur Therapeutin. Sie sah nicht zufrieden aus.
»Würden Sie mich kurz in mein Büro begleiten?«, fragte sie und drehte sich beim sprechen bereits um. Ich folgte ihr ohne eine Antwort zu geben und saß mich auf einen der Stühle vor ihrem Schreibtisch.
»Sie sind Rob.«
»Stimmt.«
»Ich bin Dr. Carter.«, sagte sie und rückte ihren Stuhl zurecht und setzte sich. Ich antwortete nicht, sah sie nur skeptisch an. 
»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie und faltete ihre Hände ineinander.
»Ich glaube solche Fragen sollten Sie lieber meiner Schwester stellen.«
»Das habe ich.«
»Und?«
»Sie wissen, dass ich Ihnen das nicht sagen darf.«
»Ich bin ihr Bruder.«
»Und ich muss mich an die ärztliche Schweigepflicht halten.«
Ich stöhnte, sie seufzte.
»Ihrer Schwester geht es nicht gut. Sie hat die ganze Zeit über, wo sie hier saß, nicht geredet. Ich stellte Fragen, bekam keine Antwort. Sie hat ein Trauma.«
Ich sah erschrocken hoch.
»Sie haben Ihre Schweigepflicht ja schnell über Bord geworfen.«
Sie sah mich unbeeindruckt hat. »Denken Sie? Ich habe Ihnen keine Inhalte ihrer Aussagen weiter gegeben, weil sie mir nichts gesagt hat. Ich habe Ihnen lediglich meine Einschätzung mitgeteilt.«, sagte sie. Sie war gut.
»Stimmt.«
»Also?«
»Ja?«
»Wie geht es Ihnen?«
»Hören Sie, ich weiß das hier gerade echt zu schätzen. Aber draußen sitzt meine Schwester gerade und ich lasse sie ungerne alleine. Ich möchte gerne zu ihr. Also kurz gesagt, ich habe da jetzt keine Zeit für.«, sagte ich und stand auf.
»Ihre Schwester wird nicht weglaufen. Aber mit Ihnen reden, wird sie jetzt auch nicht.«
»Und was soll ich jetzt tun?«
»Mit mir reden. Ihre Einschätzung der Ereignisse könnte mir helfen, ihrer Schwester zu helfen.«
Das überzeugte mich, also erzählte ich ihr alles und sie machte sie Notizen. 

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 9. Juni 2017

Daddeln sagt man nicht. Es heißt: Realitätsnachbildende Simulationen zum freizeitlichen Zeitvertreib

Kopfhörer auf, Teamspeak an,
reine Routine für den Mann.

Knarre wählen, Rucksack füllen,
Schlachtpläne ins Mikro brüllen.

Medipacks und Powerriegel,
nur die Guten, mit Gütesiegel.

Gleich gehts los, die Spannung steigt,
der Countdown läuft, er ist bereit.

Die Map, sie lädt, der Balken blinkt,
das Spiel beginnt und er versinkt.

Boom, Peng, Pow! Krach, Bumm, Bang!
Der Rest der Welt gegen seine Gang.

"Scheiße, er messert mich von hinten!
Macht ihn alle! Er hat Schrotflinten!"

Wilde Rufe, obszöne Worte,
manche kreativ, von spezieller Sorte.

Die Zeit läuft ab, gleich ist's vorbei,
doch er verliert, es folgt Geschrei.

Bildergebnis für southpark gamer
Achtung, Satire! Es handelt sich um einen Scherz! 

"So ein Mist! Das gibts doch nicht!
Los, nochmal. Diesmal zum Dickicht."

Der Balken lädt für die neue Runde,
vertieft im Krieg für ne weitere Stunde.

Gamen, zocken, um die Wette daddeln,
im Tarnmodus übers Gelände krabbeln.

Spielen, friemeln, man will siegen,
unsichtbar auf der Lauer liegen.

Und da ist er, der hart erkämpfte Sieg!
Gewonnen ist er, der bitterliche Krieg!

Die Schlacht ist vorbei, der Tag auch,
ein Gewinnerbier ist das, was er jetzt braucht.

Die Flasche zischt, das Bierchen prickelt,
die Freundin sauer, er in Ärger verwickelt.

"Oh, Liebes! Was machst du denn hier?"
"Schon vergessen!? Ich wohne bei dir!"

Ein Streit bricht los, die nächste Schlacht,
Jung, nimm dich vor deiner Freundin in Acht!

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Dienstag, 6. Juni 2017

Post Mortem (Part 2)

HIER geht es zu Part 1

Ich rief direkt die Polizei an. Und diesmal ließ ich mich nicht abwimmeln. Ich blieb penetrant bis ich zum leitenden Beamten durchgestellt wurde, der trotz gegenteiliger Aussage der Sekretärin, doch im Haus war.
»Haben Sie das Video gesehen?«, fragte ich direkt ohne Umschweife.
»Was meinen Sie?«
»Es wurde ein Video aufgenommen, als meine Schwester misshandelt und beinahe vergewaltigt wurde!«, erklärte ich ihm aufgebracht und erzählte ihm sämtliche Einzelheiten über den Inhalt und wo es überall zu finden sei.
»Und wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen?«, fragte ich, nachdem er sich alles notiert hatte.
»Dazu würde ich Sie und Ihre Schwester bitten, morgen früh ins Präsidium zu kommen. Passt Ihnen 9:00 Uhr?«
»Selbstverständlich.«
Unsere Eltern riefen an und sagten, dass sie tatsächlich keinen Flieger nehmen konnten. Durch eine Bombendrohung am Flughafen seien sämtliche Flüge gecancelt worden. Was für ein schlechter Witz. Wieso genau zu dann, wenn meine Schwester sie brauchte? Das Universum wollte uns einen auswischen. Ihr.
Ich sagte ihnen, dass sie zu Hause bleiben sollten und ich alles im Griff hätte. 
»Sabrina geht es den Umständen entsprechend gut. Sie schläft. Passt lieber auf euch auf und nehmt erst dann einen Flug, wenn wirklich alles sicher ist.«
Gott sei Dank, waren unsere Eltern schon immer vernünftig gewesen und stimmten mir zu. Sie wollten trotzdem wissen, was die Ermittlungen bisher ergeben hatten und so erklärte ich ihnen alles nochmal ausführlich. Außer die Sache mit den Video. Ich brachte es nicht über mich. Mich selbst schockierte diese Perversion auch so sehr, wie sollten sich dann meine Eltern fühlen?

Meine Schwester schlief fast die ganze Nacht durch, ich tat kein Auge zu. Ich lag neben ihr und starrte die Decke an bis ich aufstand und versuchte die Schweine im Netz zu finden, die diese Videos hochgeladen hatten.
Das war aber gar nicht so einfach, denn unzählige User posteten dieses Video. Und das überall. Ich machte eine Liste und schrieb jeden darauf, der dieses Video postete, teilte und likte. Ich schrieb sie alle auf, die ganze Nacht bis in den Morgen. Bis meine Schwester um 5:37 Uhr aufwachte.
»Rob?«, fragte sie noch schläfrig, aber auch leicht ängstlich.
Ich sprang sofort auf: »Ich bin hier, alles ist gut.«
»Was machst du da?«
»Nichts, nur der Polizei ein bisschen unter die Arme greifen.«
»Und wie?«, fragte sie unsicher.
»Darauf musst du dich im Moment nicht konzentrieren. Ruh dich aus.«, sagte ich.
»Es geht um das Video, nicht wahr?«
Ich wich ihrem Blick aus.
»Rob?«
»Ja.«
»Ich will es sehen.«
»Auf gar keinen Fall.«
»Rob, bitte. Ich bin drauf, ich habe ein Recht darauf.«
Ich seufzte. Ich wusste, dass ich es sowie so nicht verhindern konnte. Ich ging einen Schritt zur Seite, sodass sie mein Notebook sehen konnte. Sabrina stand auf und setzte sich an den kleinen Schreibtisch. Ich hatte den Tab von YouTube noch geöffnet und sie drückte auf Play.
Sie saß steif da, wie eine Statue und verzog keine Miene. Sie sah es sich einfach an, so als sei sie hypnotisiert.
Nachdem es zu Ende war, scrollte sie weiter nach unten und fing an die Kommentare zu lesen. 
Bildergebnis für bullying pictures tumblr»Was für eine Schlampe, Stirb du Luder, Du bist widerlich, Antwort darauf: Besser widerlich, als wieder nicht. Die genießt das richtig, Was für eine dreckige Hure.«, las meine Schwester die Kommentare vor. Eins nach dem anderen und dabei so kalt und abgeklärt, als sei sie eine Maschine.
»Sabrina, hör auf.«, sagte ich. Aber sie hörte nicht auf mich. Sie scrollte und las, scrollte und las. Ich sah die Tränen in ihr aufsteigen und klappte das Notebook zu.
Danach brach sie wieder unter Tränen zusammen und beruhigte sich nicht mehr. Ich rief bei der Telefonnummer der Psychologin an, die man uns im Krankenhaus gegeben hatte. Aber da lief nur der Anrufbeantworter. Natürlich.
Ich nahm sie in den Arm und ließ sie trauern. Ich sagte ihr die ganze Zeit, dass ich dafür sorgen würde, dass man all diese Schweine festnimmt und sie alle ihre Strafe bekommen würden. Und wenn es das letzte wäre, was ich tue. Sie sagte nichts, weinte nur. Sie weinte und weinte, bis sie irgendwann vor Erschöpfung wieder einschlief.
Ich weckte sie gegen acht nochmal und schickte sie ins Badezimmer zum Duschen. Danach fuhren wir zur Polizei. Auf der Rückbank lag meine Tasche mit meiner Liste.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Mittwoch, 24. Mai 2017

Post Mortem (Part 1)

Es war nachts um halb vier, als meine kleine Schwester mich völlig aufgelöst anrief.
»Was ist passiert?«
»Rob, ich weiß nicht wo ich bin.«
»Was?«
»Hilf mir!«, weinte sie.
Ich sprang auf und versuchte sie zu beruhigen. Sie war völlig durcheinander. Nach zehn Minuten konnte sie mir sagen, dass sie an einer Bahnstation stadtauswärts war. Ich zog mir schnell was über und fuhr los.
Ich war geschäftlich in der Stadt und übernachtete in einem Hotel. Meine Schwester studierte seit einem halben Jahr hier in Boston Geschichte und lebte in einem Studentenwohnheim. Bei ihr übernachten kam natürlich nicht in Frage.
Ich fand sie ängstlich hinter einer Laterne stehen. Sie hatte verschmierte Schminke und dicke Augen vom weinen. Ihr Oberteil war zerrissen und sie hatte wunde Knie.
»Oh Gott, Sabrina! Was ist passiert?«, fragte ich, als ich aus dem Auto sprang und zur ihr eilte.
»Ich weiß es nicht. Ich war plötzlich hier. Ich-, ich-, ich weiß nicht. Irgendwas stimmt nicht.«, wimmerte sie und weinte plötzlich wieder.
Ich brachte sie sofort in ein Krankenhaus. Dort untersuchte man sie und stellte fest, dass ihr das Mittel GHB verabreicht wurde. K.O.-Tropfen. Sie hatte auch deutliche Abschürfungen und blaue Flecken an den Knien, Oberschenkeln, Hüften und der Brust. Aber die Gynäkologin sagte, dass keine Vergewaltigung stattgefunden hat. Aber man hatte es wohl versucht. Die Polizei kam und nahm meine und ihre Aussagen auf.
Sabrina war auf einer Studentenparty in einem Verbindungshaus. Sie war glücklich, sie hatte erst vor kurzem Freunde gefunden. Eine richtige Clique. Das sollte ihre erste Uniparty sein.
Das Letzte, woran sie sich erinnerte war, dass sie durch die Tür kam und ihr jemand ein Bier in die Hand drückte. Dann war alles schwarz und sie wachte am Stadtrand wieder auf.
Sie sollte die Nacht im Krankenhaus bleiben und die Polizei fuhr zur Party. An Schlaf war nicht zu denken. Ich rief unsere Eltern an, erklärte ihnen alles. Sie wollten in den nächsten Flieger steigen, seien am Nachmittag da. Aber am Morgen wurde Sabrina schon entlassen. Ihr ginge es den Umständen ja ganz gut. Also gab man ihr Schmerzmittel und die Telefonnummer einer Psychologin. Den Rest würde man in den Bericht für die Polizei schreiben. So schnell geht das. So einfach ist das.
Die Polizei meldete sich auch nicht. Ich rief dutzende Male an, aber man sagte mir nur immer wieder, das die Beamten gerade in der Ermittlung seien und ich mich gedulden solle.
Ich wollte sie ins Studentenheim bringen, aber da wollte sie patout nicht hin. Aber in mein Hotel wollte sie auch nicht. Sie bestand darauf zur Uni zu gehen.
»Ich habe gleich eine Vorlesung.«, sagte sie, als wir an einer roten Ampel standen.
»Ja und?«
»Die möchte ich nicht verpassen.«
»Das tut mir leid.«
»Rob, bitte.«
»Spinnst du? Sag mal, ist dir bewusst, was die letzten zwölf Stunden passiert ist!?«, fuhr ich sie an.
»Ja! Aber ich kann jetzt nicht rumsitzen und daran denken! Ich werde sonst verrückt! Ich muss mich ablenken!«, schrie sie zurück.
Dann stieg sie einfach aus und stapfte die Straße hinunter. Es wurde grün und ich konnte nicht losfahren. Ich sah ihr nur hinterher. Ich beschloss zum Campus zu fahren und dort zu warten, falls was passieren würde. Ich war furchtbar gereizt. »Irgendeiner von euch wollte meine kleine Schwester vergewaltigen.«, dachte ich, während ich die Studenten dabei beobachtete, wie sie lachten, lasen oder einfach über den Rasen gingen. Genau das wurde mir erst jetzt bewusst. In mir stieg die Wut hoch. Wer war es? Wer war auf der Party? Was ist da passiert? 
Ich sagte alle meine Termine ab und blieb im Auto. Dann bekam ich plötzlich eine SMS.
»Rob, du musst mich holen sofort!«, schrieb meine Schwester.
Ich rief sie an: »Ich bin auf dem Campus, wo bist du?«
»Gleich beim Parkplatz.«, sagte sie, während sie wieder weinte.
Ich sah mich um und sah sie auf mich zukommen. Ich rannte auf sie zu und nahm sie in den Arm.
»Was ist passiert!?«, fragte ich.
»Es gibt ein Video.«, weinte sie in meine Brust.
»Ein Video? Wovon?«
»Von mir auf der Party.«, sie sackte zu Boden.
»Sabrina, beruhige dich.«, sagte ich und ging auf die Knie. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Was macht man in so einer Situation denn auch!?
»Es ist auf YouTube, Facebook, Instagram, Snapchat. Es ist überall.«, sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
Ich trug sie ins Auto und fuhr mit ihr ins Hotel. Nachdem sie sich beruhigt hatte und eingeschlafen war, machte ich meinen Laptop an. Ich musste nicht lange suchen.
Auf dem Unikanal und der Uniseite war es ganz oben. "Sabrina get's wet and wild" war der Titel. Ich musste einmal schlucken und tief durchatmen. Aber dann klickte ich es an.

Bildergebnis für drunk tumblrMan sah direkt, dass meine Schwester komplett auf Droge war. Ihre Augenlider hingen, wie ihre komplette Mimik. Sie lag auf dem Esszimmertisch und ein paar Typen mit Masken standen um sie herum. Sie packten sie hart an, drehten und wendeten sie wie einen Burger, zerrten an ihren Klamotten und lachten. Dann zog einer an ihrem Rock, ein anderer machte seine Hose auf. Alle lachten, schrien, ein paar wenige waren entsetzt und drehten sich weg oder gingen.
Ein rothaariges Mädchen war auf einmal im Bild und wollte die Jungs zurecht weisen, aber sie wurde nur weggeschubst. Aber sie ließ nicht locker und sagte den Jungen immer wieder, sie sollen aufhören. Sie seien weit genug gegangen. Ein Handgemenge begann, der Rothaarigen wurde ins Gesicht geschlagen und meine Schwester war mittendrin. Sie fiel vom Tisch, dann war das Video vorbei. 
Ich war schockiert. Wirklich aus tiefstem Herzen schockiert. Wer hatte das meiner Schwester angetan?

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

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