Samstag, 24. Februar 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 1

»Oma, du solltest hier dringend mal staubsaugen!«, sagte Amelie und hustete während Gerda einen alten Teppich von der einen Ecke in die nächste warf.
»Auf dem Dachboden?«, fragte Gerda und schüttelte mit dem Kopf.
»Ja! Man kann hier ja kaum atmen!«
»Na, jetzt übertreib aber mal nicht. Wenn wir nicht atmen könnten, würden wir hier nicht stehen und uns unterhalten. Und jetzt fang mal langsam an, wir wollten doch was schaffen.«, sagte Gerda und stemmte die Hände in die Hüfte.
Amelie verdrehte die Augen mit einem Lächeln und fing an die alten Kartons durchzusehen. Der Dachboden sollte ausgeräumt werden, da Gerda bald umziehen würde. Sie lebte ganz allein in diesem großen Haus, also hielt es Amelies Mutter für die beste Entscheidung, dass Gerda in ein Seniorenhaus ziehen würde.

»Stell mal vor, dir passiert was und keiner ist hier! Du fällst die Treppe runter oder stolperst und liegst mit gebrochenen Knochen auf dem Boden und kannst keine Hilfe rufen. Dann hätten wir den Salat. Da kann das nicht passieren, im Seniorenhaus bist du nicht allein. Vielleicht findest du auch neue Freunde.«, sagte Daniela mit einem Lächeln, als das Thema das erste Mal ansprach.
Gerda schnaubte: »Nu red mal nicht so mit mir, als käme ich in den Kindergarten. Nennen wir doch das Kind beim Namen: Du denkst ich bin nicht mehr fit und hast keine Zeit, dich um mich zu kümmern, Frau Agenturchefin.«
Amelie schluckte und sank immer weiter in ihrem Stuhl. Sie wusste worauf das hinauslaufen würde: Einen Streit. Gerda war von Natur aus ein alter Sturbock und ihre Mutter ließ gerade dann nicht locker. Sie kannte es so von ihrem Job: Wenn es kompliziert wird, nicht locker lassen.
Doch nach einer endlosen Diskussion seufzte Gerda nur noch und sagte: »Ist ja gut, ist ja gut. Mensch, ist ja nicht auszuhalten. Ich machs ja. Hab ich denn eine Wahl? Aber was passiert mit dem Haus?«
»Das sehen wir, wenn es soweit ist.«, antwortete Daniela knapp. Auch sie hatte keine Lust mehr zu diskutieren. 
Und damit war die Sache in trockenen Tüchern. Was Amelie doch sehr wunderte, denn normalerweise hätte Gerda sich nicht darauf eingelassen. Wenn es um ihr Alter und ihre Selbstständigkeit ging, war sie empfindlich. Ihr ging es ja auch gut und sie war außerordentlich fit für ihr Alter.

Als Amelie über diesen Moment am Küchentisch vor sechs Wochen nachdachte, kam sie ins Grübeln.
»Hallo! Amelie bist du noch da?«, rief Gerda unmittelbar hinter ihr und klatschte in die Hände. Amelie schrak hoch.
»Man, Oma! «,  sagte sie und hielt sich die Hand vor die Brust.
Gerda lachte: »Jetzt tu auch nicht noch so, als hättest du ein schwaches Herz! Mensch, armes Ding! Morgen steht in der Zeitung: Alte Frau tötete Enkelin beim Dachboden aufräumen - Ihr Herz und ihre Lunge machten all das nicht mit.«
»Du Witzbold.«, grummelte Amelie.
»Nicht so frech. Wo warst du gerade mit deinen Gedanken?«
Amelie zögerte und kaute auf ihrer Wangeninnenseite. »Oma, warum hast du dem Umzug ins Seniorenhaus so schnell zugestimmt?«
Gerda wurde ernst und seufzte: »Was hätte ich denn machen sollen? Deine Mutter hätte doch nicht locker gelassen und früher oder später wäre dieser Moment sowie so gekommen. Weißt du, manchmal ist es in diesem großen Haus schon manchmal etwas einsam. Da helfen auch nicht die vielen schönen Erinnerungen, wie ich zum Beispiel deiner Mutter das Laufen beibrachte oder als ihr noch hier zusammen mit deinem Vater gewohnt habt. Sie machen mich eher traurig, weil mir dann bewusst wird, dass ich jetzt alleine bin.«
Amelie wurde traurig, diese Ehrlichkeit hatte sie jetzt nicht erwartet. Aber Gerda hatte Recht, das Haus war riesig und einer allein könnte sich hier schnell verlieren.
Amelie nahm die Kiste, in der sie gerade rumwühlte. »Dann machen wir jetzt weiter, damit in drei Wochen keiner mehr auf den Dachboden muss. In dieser Kiste sind alte Handtücher, die können weg.«
Gerda lächelte: »Na dann mal los.«
Eine Kiste nach der anderen schwand und der Dachboden wurde immer größer. Es waren hauptsächlich alte Kleidungsstücke oder Haushaltsgeräte, die sich in den Kisten befanden. Alles Dinge, die zwar damals, als sie hier zwischen gelagert wurden, noch funktionierten, aber jetzt durch die Zeit nicht mehr zu gebrauchen waren.
Als Amelie sich am Ende des Dachbodens befand und ein paar Kisten in den Innenraum zog,  fiel ihr ein alter Koffer auf, der ihr Interesse geweckt hatte. Sie zog ihn hervor und versuchte ihn zu öffnen. Die Schnallen klempten, aber mit ein bisschen Kraft öffneten sie sich schwerfällig.
Amelie erschrak, der Koffer war voller alter Fotos. Alle in schwarz-weiß und schon mindestens 40 Jahre alt. Amelie fand Fotos von Gerda, als sie noch jung war, von ihrer Mutter, vom Haus und... von einem Mann in Uniform. Er stand vor einer Wand mit der französischen Flagge im Hintergrund. Er trug eine Offiziersuniform und schaute ohne zu lächeln in die Kamera. Seine Mütze hielt er im angewinkelten, rechten Arm. Amelie blieb an diesem Foto hängen, denn irgendwie kam ihr dieser Mann bekannt vor, obwohl dies ja eigentlich nicht sein könnte. Schließlich war das Bild uralt.
»Na, was hast du interessantes gefunden?«, fragte Gerda, als sie wieder die Treppe hochkam, nachdem sie einen Karton runtergetragen hatte.
»Fotos.«, sagte Amelie nur, während sie weiter auf das Foto starrte. Woher kannte sie diesen Mann? Wer war er?
Gerda blieb stehen. »Wo hast du die gefunden?«, fragte sie ernst.
Amelie blickte auf: »In dem Koffer hier. Er war hinter den Kisten dort drüben«
Gerda wurde unsicher, wollte gerade etwas sagen. Aber Amelie war schneller: »Oma, wer ist das?«
Gerda schluckte. »Oma? Ich sehe, dass du unsicher bist. Was ist los?«, fragte Amelie.
Gerda setzte sich auf eine Kiste und nahm Amelie das Foto aus der Hand. Sie strich über das Bild und Amelie sah, dass Tränen in ihre Augen stiegen.
»Das ist Théo.«, sagte Gerda leise.
»Und wer ist er?«
Gerda sah Amelie an: »Dein Großvater.«

© Dia Nigrew/Claudia Wergin     

Mittwoch, 31. Januar 2018

Der schmale Grat

Alle reden von Egoismus. Von Selbstsucht, dem eigenem Zweckinteresse. Sie reden von Eigennutz und Egozentrik.
Und ich? Ich stehe hier und frage mich: Wo fängt das alles an?


Ich stehe hier im Büro, mit den ganzen Akten in der Hand. Ich stehe am Kopierer, um noch mehr davon zu produzieren. Das Gerät surrt und im Takt der druckenden Kopien ziehe ich meine Nase hoch.
Mir Ist kalt, aber die warme Lüftung des Kopierers wärmt meine Beine. 
Mein Hals schmerzt, aber während ich konzentriert an der Wand stehe und dem Licht im Scanner zusehe, wie es von rechts nach links und von links nach rechts zieht, denken meine Kollegen ich denke angestrengt über die nächst zu erledigende Aufgabe nach. Dabei bemühe ich mich nur darum, nicht umzukippen.
Ich bin "lieber" hier, in diesem Bunker, der von weißen Neonlampen erhellt wird, anstatt mit Grippostad zu Hause. 
Warum?


Ich sitze auf dem Sofa und weine. Das Telefon in der linken Hand, ein benutztes Taschentuch in der Rechten. 
Meine beste Freundin hat mir eben gesagt, dass sie mit ihrem Freund nach Schottland auswandern wird.
Ich kenne sie schon mein Leben lang, wir waren noch nie getrennt. Und jetzt sollen tausende von Kilometern inklusive Meer zwischen uns liegen? Meine Welt bricht gerade zusammen. Ich fühle mich verlassen, allein.
Das Telefon klingelt und ich sehe im Display, dass mein Vater anruft. Ich stöhne. Ich will jetzt nicht mit ihm reden. Er ist pragmatisch, wird mich und meinen Ausbruch meiner Gefühle sowie so nicht verstehen. Doch wenn ich jetzt noch ans Telefon gehe, wird er mir das wieder wochenlang vorhalten.
Schließlich war er auch immer für mich da, hat mich großgezogen. Nun bin ich dran, es ihm gleich zu tun.
Ich gehe ran und er merkt direkt, dass ich geweint habe. Ich erkläre ihm meine Trauer. Er sagt nur kurz, ich solle mich nicht so anstellen. Sowas passiert. Dann erklärt er mir, er habe ein Problem mit seinem Computer. Ich solle kommen und ihm helfen. Das Telefonat mit meiner Freundin ist 8 Minuten her. Ich atme tief ein und schmucke meine Tränen runter.
Warum?


Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in meinem Leben herzhaft und aus voller Imbrunst gelacht habe. Ich kann mich einfach nicht dran erinnern.
Meine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt. Ein zuckersüßes Mädchen. Ein Mädchen, dass gerne tanzt und Ballerina werden möchte. Ein Mädchen, dass ihrem Papa abends vorm Schlafen gehen zeigen möchte, was sie neues im Ballettunterricht gelernt hat. Nur ist ihr Vater nie da, wenn sie ins Bett geht. Jeden Abend geht dieses Mädchen enttäuscht schlafen und wacht mit voller Hoffnung wieder auf: "Heute wird er mich tanzen sehen." Mein Lachen verschwand an dem Tag, an dem mein Kind anfing langsam ein Bewusstsein zu entwickeln und zu begreifen, was Enttäuschung ist.
Jeden Tag aufs Neue bewies ihr Vater, wie egal sie ihm ist. Wie egal ihm seine Familie ist. Jeden Tag wurde meine Tochter verletzt und mit jedem Tag verlor ich wieder ein Stück meines Lachens, meines Glücks.
Liebe spüre ich genau so wenig wie ich, oder meine Tochter, sie bekomme. Ich habe mein Lachen vor sieben Jahren verloren und meine Tochter verliert ihres langsam auch.
Und trotzdem bleibe ich und sehe mir dieses Trauerspiel jeden Tag aufs Neue an. Und hoffe. Wie mein Kind.
Warum?


Wo fängt Egoismus an? Bei dem Wunsch im Bett zu liegen, wenn man krank ist? Einfach Zeit zum trauern zu wollen, wenn man verlassen wurde? Sein Wohl im Jetzt für die Zukunft über das eines anderen zu stellen?

Wir posten Snaps und Fotos von unseren Medikamenten aus der Apotheke, wenn wir krank sind. Nur damit der Chef und die Kollegen auch sehen: "Oh, der ist ja wirklich krank!"
Wir schieben unsere Gefühle beiseite, damit andere zufrieden sind und nicht urteilen können.
Wir gaukeln uns vor, alles sei in Ordnung, leiden aber still und heimlich, um anderen eine heile Welt vorzuspielen, die eh zerbrechen wird.


Und wofür? In der Hoffnung, unser Gewissen ist reiner und leichter. Und ist es das? Nein, nicht im geringsten.


Wir machen uns selbst verrückt. Und das umsonst.
An sich zu denken ist keine Egozentrik. Nicht im geringsten. Wer hat uns das nur eingeredet?


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© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 29. Januar 2018

Müssen

Ich muss...
... zeitig ins Bett.
... morgen früh raus.
Ich muss was leisten.

Ich muss...
... heute Überstunden machen.
... mal mehr lachen.
Ich muss noch in den Supermarkt, brauch ein paar Sachen.

Ich muss.
... zum Sport.
... was für meine Figur tun.
Ich muss noch zu meiner besten Freundin, dem verrückten Huhn.

Ich muss...
... mich noch mit Mama treffen.
... noch tanken.
Ich muss mich auf den Beinen halten, nicht schwanken!

Ich muss...
... mehr trinken.
... weniger Süßkram essen.
Ich muss mir einen O-Saft pressen.

Ich muss...
... noch mein Handy aufladen.
... muss noch auf die Mail antworten.
Ich muss noch schnell den Bericht reporten.

Ich muss...
... noch die WhatsApp lesen.
... Wäsche waschen.
Ich muss schauen: Ist noch was in den Hosentaschen?

Ich muss...
... die Wohnung putzen.
... Essen kochen.
Ich muss überlegen: Wann habe ich das letzte Mal mit Papa gesprochen?

Ich muss...
... noch den Arzt anrufen.
... den Urlaub buchen.
Ich muss meinen Impfpass suchen.

Ich muss...
... ans Handy gehen.
... auf Abruf bereit stehen.
Ich muss wieder zur Arbeit gehen.

Ich muss...
... einmal durchatmen.
.... das noch fertig machen.
Ich muss wieder Überstunden machen.

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Ich muss...
... so viel.
... so oft.
Ich muss gestehen, das habe ich mir damals anders erhofft.

Durch das Muss das Leben vergessen.
Vom Alltag ganz und gar zerfressen.
Was hat das alles nur aus mir gemacht?
Ich verspreche, ich geb' jetzt mehr auf mich Acht.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 22. Januar 2018

Versteckt, verschwunden, vergessen

Weißt du, damals war es anders. Damals, da waren wir ja auch noch andere.
Beide Mauerblümchen, du ein Veilchen und ich der Enzian.
Wir hatten nur uns inmitten dieser stürmischen Welt.
Und als der Wind kam und mich mit riss, gebe ich zu, habe ich ihn gelassen.
Ich wollte diese Welt sehen, in all ihren Facetten und so habe ich mich
tragen lassen in diese unbeständige Welt.
Und du? Du bist an der Mauer geblieben, wolltest nie deine Wurzeln ausbreiten,
 mochtest die Enge der Steine.
Und das ist okay, wenn du dich wohl dabei fühlst. Aber bitte verlang nicht von mir,
es dir gleich zu tun. Denn das kann ich nicht, will ich nicht, werd' ich nicht.
(...)
Bitte lass mich doch, dräng mich nicht wieder an diese Wand.
Die Mauerzeiten sind vorbei, schau doch mal in den Kalender.
Die Zeiten sind Vergangenheit, klammer dich nicht so an das was war.
Klammer dich nicht so an mich.
Ich bekomme keine Luft mehr, hör mir doch zu.
Wieso verstehst du mich nicht? Ich bin doch so deutlich.
Wieso ignorierst du meine Worte? Das macht es nicht besser.
Wieso willst du mich wieder zu dem Enzian machen? Der bin ich nicht mehr.
(...)
Und so, so habe ich mich versteckt. Still und leise flüstere ich diese Zeilen.
Versteckt in einer Spalte, die nach Norden führt. Ich zwänge mich hindurch, weg
von dir. Entferne mich von der Vergangenheit und zwänge mich durch den Spalt.
Meine Zukunft liegt vor mir.
Ich ergreife die Flucht, verstecke mich. Und auf der anderen Seite der Mauer,
da ist Sonnenschein. Sonnenschein und eine Wiese. Eine Wiese voller Enzian.
Der Himmel ist blau und ich breite die Arme aus, atme durch.
Hier gehöre ich hin, nicht zur Mauer. Nicht zu dir.
Das war einmal.
(...)
Ich bin fort, genau so wie du. Und das fühlt sich gut an.
Das mag irgendwie traurig sein, aber nicht für mich.
Ich fühle mich besser, ich fühle mich freier.
Unser gemeinsame Weg hat sich an der Gabelung geteilt, das ist okay.
Sowas passiert und so sollte es wohl einfach sein.
Ich denke, dir geht es gut. Deine Wurzeln sind robust, kleines Veilchen.
Jemand anderes wird neben dir seine Wurzeln schlagen.
(...)
Und so verblasst von dir das Bild, so ist mein Gehirn einfach gestrickt.
Die Erinnerung wird schwächer, wird zu einem grauen Schleier.
Ich liege auf der Wiese und atme den frischen Duft der Blumen ein,
weiß schon gar nicht mehr wie die Mauer aussah.
Wie du aussahst. Und so vergesse ich dich, denn du gehörst
ja nicht mehr zu mir. Du bist nur noch ein Geist meiner Erinnerungen.
Und das ist gut so, denn so sollte es sein.
Ich hoffe, du verstehst das eines Tages auch. Irgendwann, kleines Veilchen.


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© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Freitag, 13. Oktober 2017

Das Aufeinandertreffen - 2.0

Ich sitze in einem Schlachtfeld. Ich habe ja schon gewusst, dass es nicht glatt laufen wird... aber so hätte ich es mir NIE. IM. LEBEN. VORGESTELLT!
Die Torte, welche an der Wand verteilt ist, ergibt ein abstraktes Bild aus Sahne und Buttercreme. Würde man einen Rahmen darum hängen, könnte man meinen, es handelt sich um sehr, sehr, SEHR moderne Kunst. An meiner Wand.
Ähnliches FotoDer Tisch ist umgekippt und die jetzt nicht mehr so weiße Tischdecke hängt mit der einen Hälfte darüber und mit der anderen auf dem Boden. Die Kinder spielen in diesem Konstrukt, was sie für eine Höhle halten. Mein Opa findet sie passen da gut rein, denn für ihn sind sie auch kleine Höhlenmenschen.
Können nicht richtig reden, nicht richtig denken, hauen sich mit einer Spielzeugkeule gegenseitig auf den Kopf.
Teller und Tassen liegen auf dem Boden verteilt und meine Yukka-Palme hat so eine riesen Ladung Kaffee abbekommen, dass ich meine sie vibrieren zu sehen. Vielleicht bin ich auch selbst am zittern und mein Sichtfeld verwackelt langsam. Aber wenn die Palme nicht einen Satz durch die Decke macht, weil sie einen enormen Koffeinschub bekommen hat, würde mich das wirklich wundern.
Ich seufze.
Unsere Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Wirklich, das sage ich nicht nur so, wie die Muttis, die leidenschaftliche Hausfrauen sind und ein bisschen Staub schon für eine Sauerei halten. Ich meine es ernst, ich befinde mich auf einem Schlachtfeld. Ein Schlachtfeld, auf dem nicht nur ein verbaler, sondern auch ein Nervenkrieg ausgebrochen ist.
Und wie hat das alles angefangen? Mit einem Kniefall. Nein, wenn ich es genau nehme nicht. Es hat eigentlich schon damit angefangen, dass ich meinen jetzigen Verlobten überhaupt kennengelernt habe.

Es war ja so ein bisschen wie in einem Sonntagsfilm im ARD, ZDF oder, wenn er aus Amerika stammt, Sat1 oder ProSieben: Ich war auf der Geburtstagsfete meiner besten Freundin, die gerade Besuch von ihrem Cousin aus der Nachbarstadt hatte und auch da war. Jedenfalls, dessen Freund aus unserer Stadt war auch auf der Party, der wiederum seinen besten Freund mitgebracht hat. Und zwischen demund mir hats gefunkt, eigentlich auf Anhieb.
Wir haben uns angesehen, gelächelt, dann kam er zu mir rüber und hat mich angesprochen. Wir haben uns die ganze Nacht unterhalten und gar nicht gemerkt, dass schon die Sonne aufging, als wir im Garten saßen.
Er fragte mich zum Schluss nach meiner Nummer und ich wollte so ein „Carry-Bradshaw-Sex-and-the-City“-Ding abziehen, also gab ich ihm mein Handy, damit er mir seine einspeichern konnte und sagte: „Wenn ich in drei Tagen immer noch Bauchkirbbeln habe, so wie jetzt, dann rufe ich dich an.“ Ich versuchte so verführerisch und verspielt wie möglich zu klingen und biss mir sogar verschmitzt auf die Lippe. Er musste ein Lachen unterdrücken und schon wusste ich, dass ich nicht verführerisch wie Carrie war, sondern eher unbeholfen wie Doug Heffernon. Und doch lächelte er mich an. Und gerade als er mein Handy in die Hand nahm und auf den Bildschirm schaute, ploppte eine Voice-Mail von meiner Mutter auf und ging auch direkt an: „Liebes, dein Vater hat sich so sehr aufgeregt, dass er Durchfall hat. Schon wieder. Ich kann hier nicht weg, ich reiche ihm eine Klopapierrolle nach der anderen. Könntest du uns aus dem Supermarkt eine neue Maxi-Packung mitbringen und in die Apotheke fahren und ihm Kohletabletten holen? Du weißt schon die, die du auch vor einem Monat genommen hast, als du diesen Magen-Darm-Virus hattest. Ach ja und dann vielleicht noch Duftspray, hier riecht es wie in einer Kläranlage.
Jaaaa… Na, wenn das mal nicht das Eis endgültig gebrochen hat! Selbst wenn die Voicemail nicht sofort angesprungen wäre, als ich neben ihm stand. Allein die Tatsache, dass meine Mutter so früh morgens ihr Handy in die Hand nahm, konnte nicht nichts Peinliches bedeuten.
Es war klar, dass das passieren musste. Das MIR das passieren musste! Die Zeit schien in diesem Moment still zu stehen und ich konnte mich vor Peinlichkeit nicht bewegen. Doch dann grinste er nur wieder, musste ein weiteres Lachen unterdrücken und gab mir mein Handy samt seiner eingespeicherten Nummer wieder. Und das war so der Moment, in dem ich wusste, er ist was Besonderes.

Wir begannen uns zu treffen. Gingen ins Kino oder essen, wie man das so macht, wenn man sich datet. Wir verliebten uns relativ schnell, denn wir hatten uns… wir hatten uns halt gefunden. Alles war perfekt. Was meine Schmetterlinge etwas ausbremste war die Tatsache, dass ich ihn früher oder später meiner Familie vorstellen musste. Ich hatte an diesem Tag so Magenprobleme, dass ich mir die Kohletabletten von meinen Eltern zurückholen musste.
Meine Familie war wie immer: Chaotisch, verrückt und… traumatisierend. Doch mein Freund hatte diesen gewissen Charme und sie waren direkt von ihm begeistert. Ich bin mir sicher, wäre er nicht er, dann hätten sie ihn mit Fackeln und Mistgabeln vertrieben. Zwar erkannte er auch sofort, dass das Wort „Normal“ ein fremdes für meine Blutsverwandten war, aber er sagte: „Ich bin mit dir zusammen und nicht mit deiner Familie. Dich liebe ich.“Ich sage ja, wie im Film.
Nach einem Jahr zogen wir zusammen und nach zwei Jahren fragte er mich, ob ich ihn heiraten möchte. Natürlich habe ich ja gesagt. Ich bin ja nicht so verrückt und lasse so einen gehen.

Die Katastrophe begann damit, als ich die Familie von meinem Verlobten mit meiner vor der Hochzeit miteinander bekannt machen musste, äh ich meine wollte. Weiter hinaus zögern, konnte ich dieses Aufeinandertreffen einfach nicht mehr. Seine Eltern fragten schon. Hätten sie gewusst, was auf sie zukommt, hätten sie das nicht getan. Ich war panisch. Was sollte seine Familie nur von meiner halten? Was würden sie nach diesem Erlebnis von mir denken? Und nein, ich übertreibe nicht. Denn was jetzt folgt ist nicht das Drehbruch eines Katastrophenfilms in der Primetime.
Wie ich bereits schon anmerkte, ist meine Familie etwas… anders. Daher habe ich ein Treffen bisher auch immer vermieden.
Mein Vater und mein Opa (beide vom selben Schlag) sind leidenschaftliche Verschwörungstheoretiker. Die Welt, die Menschen und manchmal auch die Maschinen… alle arbeiten gegen sie, gegen sich selbst, gegen alle. Nur die Menschheit ist zu blind und zu „blöd“ um das zu sehen. Und das wird auch kundgetan, so oft es geht. Widerworte und auch nur Nachfragen zum aktuellen Diskussionsthema arten grundsätzlich in einem lautstarken Wortgefecht aus. Mein Opa und mein Vater haben immer Recht, Widerstand zwecklos.
Dazu kommt noch, dass mein werter Großvater im zweiten Weltkrieg gedient hat und zu Mauerzeiten als Wachposten in Berlin eingesetzt wurde. Was auch die Ursachen dafür sein könnten, dass er leicht einen an der Waffel hat, in dieser Zeit hängen geblieben ist und in seiner eigenen Welt lebt. Meinen Vater hat er leider dorthin mitgenommen, denn er dreht manchmal genauso am Rad wie sein Vater. Vielleicht lag es an einer Gehirnwäsche als Kind (deswegen stottert er vielleicht auch leicht) oder daran, dass mein Opa bei meinen Eltern lebt und sie verrückt macht (vielleicht stottert mein Vater auch deswegen leicht) oder einfach daran, dass sie direkte Blutsverwandte sind.
Jedenfalls nehmen sie sich beide nicht viel, was die Sache angeht. Ich weiß nicht, ob es sich um eine vererbbare Familienkrankheit handelt, aber sollte es so sein, bin ich die Nächste. Bitte nicht.
Mein Bruder und seine Freundin sind entspannter, viiieeel entspannter. Aber so viel wie die Beiden kiffen, ist das auch nicht wirklich verwunderlich. Sie sagen, sie brauchen das um die Welt und ihre Bewohner besser fühlen und hören zu können. Sie sind dann eins mit dem Universum und fühlen das Glück und das Leid auf der Erde und ihrer Galaxie. Was andere ja nicht können.
Das Marihuana stärke ihre Wahrnehmung für alles und jeden (wer weiß, was die sich noch einwerfen). Das Gras die Sinne eher etwas hemmt, braucht man den Beiden nicht versuchen zu erklären, denn wer (also ich) seine Sinne nicht „erweitert“, kann sie auch nicht verstehen. Schließlich befinden sie sich geistig auf einer ganz anderen Ebene. Und gerade weil sie so gefühlsempfindsam sind, leben sie auch vegan. Alles auf der Welt hat es verdient zu leben. Komischerweise nur ihre Marihuanapflanzen nicht. Die werden nicht gehört und nicht gefühlt, sind wohl taubstumm.
Übrigens, aufgrund ihrer Vorliebe für die fünfblättrige Pflanze haben sie auch das Gärtnern für sich entdeckt. Sie gehen in ihrem Hobby so sehr auf, dass sie sogar den Dachboden ihres Wohnhauses in ein kleines Gewächshaus umfunktioniert haben. Leider hat ihr cholerischer Vermieter schnell Wind von dieser kleinen Plantage bekommen. Aber als mein Bruder ihm kostenlos einen wöchentlichen Anteil der „Ernte“ zusagte, war auch plötzlich er mehr als tiefenentspannt. Was ein bisschen überraschend für die Nachbarn war, denn eigentlich ist er wegen seiner Frau dauergestresst und ein Abklatsch von Ebenezer Scrooge aus dem Weihnachtsmärchen. Naja, jetzt nicht mehr.
Meiner Mutter ist das alles fürchterlich peinlich. Immer. Einerseits verständlich, aber andersherum muss man auch sagen, dass ihr alles peinlich ist. Und dadurch ist sie stets fürchterlich nervös. Man muss nur auf der Straße ein bisschen rumalbern und sie wird rot vor Scham. Sie hat immer Angst, die Leute denken schlecht von ihr und unserer Familie. Was sie wahrscheinlich auch tun, also ist ihr Aufwand eigentlich umsonst.
Gibt jemand aus unserer Familie einen zum Besten und zeigt sich von seiner „schönsten“ Seite, steigt ihre Nervosität wie ein Thermometer in ihr hoch, sie fängt an zu zittern und ihr rechtes Auge wie wild zu zucken (vergleichbar mit einem wilden Bullen, der von einem Cowboy beim Rodeo geritten wird). Selbst mein Bruder hat ihr schon helfen wollen, indem er ihr etwas von seiner Lieblingspflanze angeboten hat, damit sie mal „runterkommt“. Ein großzügiges Angebot, wenn man bedenkt, wie heilig ihm seine Pflänzchen sind.
Geantwortet hat meine Mutter darauf mit einem Anfall von Hysterie, denn mein Bruder war so blöd ihr sein Gras anzubieten, als sie in der Supermarktschlange standen und es, ihrer Meinung nach, vermutlich mehrere Leute gehört haben könnten.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch ihre panische Schnappatmung die Blicke auf sich gezogen hat, als durch die Frage meines Bruders, ist höher.
Soviel zu meiner Familie. Aber sie sind gute Menschen. Auf die Frage, wie ich bei dem Haufen relativ normal werden konnte, habe ich übrigens keine Antwort.

Mein Verlobter sieht das Dilemma, wie ich es gerne beschreibe, ganz locker. Vielleicht liegt das auch an unserer Generation. Wir sind jünger, entspannter, nehmen alles nicht so ernst. Eigentlich. Ich bin überhaupt nicht so und habe mir seither nur das Schlimmste ausgemalt, da meine Familie einfach nicht... normal ist.
Seine ist es. Eine Familie wie aus einem Heimatfilm. Einem ZDF-Samstag-Nachmittag-Film in dem der Vater Tierarzt ist, die Mutter leidenschaftliche Hausfrau und stets weiß was zu tun ist, die Tochter einen rosa Haarreif mit Schleife trägt, der Sohn den Steuerhinterzug des örtlichen Bäckers aufdeckt und der Golden Retriever ein gar menschlichen Charakter hat und allen den Weg in die richtige Richtung weist. Das größte Problem ist dann mal, wenn das Mehl zum Backen fehlt und man beim Nachbar danach fragen muss.
Sie sind perfekt. Oder ich bin so ein „normales“ Familienverhältnis einfach nicht gewohnt und dadurch komplett überfordert. Das ist dann wohl meine Macke: Allergie gegen Normalität.

Als alle bei uns zuhause eintrafen, lief es noch ganz gut. Sie machten sich bekannt, setzten sich an den großen Esstisch im Esszimmer und betrieben notdürftigen Smalltalk. Auf der einen Seite saß Familie Flodder und auf der anderen Seite saßen meine Schwiegereltern in Spe, die Schwester von meinem Liebsten mit Mann und den Zwillingen.
Und dann ging es los:
Die Zwillinge, noch recht klein, gerade mal süße 20 Monate alt, wie die Über-Muttis aus dem 21. Jahrhundert so schön sagen, haben ein bisschen mit ihren Tortenstücken gespielt während sie aßen. Ein wenig darin rumgemanscht und dabei gelacht. Was soll man auch anderes machen, das schmatzt ja auch so schön. Nun mein Opa, vom ganz alten Eisen, schnaubte laut und sagte: „Zu meena Zeit haben de Kurzen eenen übern Deckel jekriegt, wenn se nischt jehört haben. Ne Sohnemann?“, dann haute er meinen Vater auf die Schulter.
„Ne, hat mir nicht ge-, ge-, geschadet!“, antwortete mein Vater.
Mmhmh.
Totenstille.
Übrigens, Fun-Fact nebenbei: Meine Oma ist vor Scharm gestorben. Kein Scherz, mein Großvater und mein Vater haben sie ins Grab gebracht. Ich habe die gute Frau deswegen nie kennengelernt. Mein Großvater hat dem Vater meiner Mutter damals, an ihrem fünften Hochzeitstag, von seiner Theorie über das korrupte Polizeisystem der Stadt erzählt. Was man dazu sagen sollte: Der Vater meiner Mutter war der Polizeichef im Bezirk. Mein Opa fragte ihn tatsächlich wie er ihm schamlos gegenübersitzen könne, wobei er doch Bescheid wüsste. Über alles.
Das war der Tag, an dem meine anderen Großeltern sich aus dem Staub und meine Oma das Zeitliche segnete und sich zu einem besseren Ort aufmachte. Beides irgendwie verständlich.
Die Stille am Tisch wurde durch das Schmatzen der Sahne auf den Kuchentellern der Zwillinge unterbrochen. Meine zukünftige Schwägerin räusperte sich und sagte nur, dass sie nichts von solchen Erziehungsmaßnahmen halte und legte sich ihre Servierte auf den Schoß.
Es seien schließlich Kinder, kleine Kinder, die finden sowas nun mal toll.
Nein, nicht wenn es nach meinem Opa geht. Er wollte gerade den Finger heben und ansetzen, als ich ihm unter dem Tisch vor seine Prothese trat.
„Opa, willst du nicht lieber ein Stück Torte!?“, fragte ich gereizt und sah ihn eindringlich an.
Er seufzte. „Datt hat es früher nischt jegäben. Jung, erinnerst du disch noch an den Bambusstock? Datwaren noch Zeiten!“, sagte er und schnaubte.
Mein Vater starrte plötzlich auf den Tisch und sagte gedankenverloren: „J- J- Ja.“
Kurz war es wieder still, aber dann landete ein Stück Torte samt Gabel auf dem Boden, weil einer der Zwillinge seine motorischen Fähigkeiten besser eingeschätzt hatte, als sie tatsächlich waren und mein Opa sah die Schwester meines Verlobten an: „Ick sach ja: Mit nem schönen Schlach uffe Finger würden de Blagen jetzt gerade sitzen und ordentlisch essen. Grüne, blaue, jelbe Flecken, sorgen dafür, datt auch de kleensten Lütten de Regeln checken.“
Und dann konnte man eigentlich runterzählen. Drei… Zwei… Eins…
Bildergebnis für explosion gifEine Diskussion brach los.
Mein Vater feuerte meinen Opa an, als dieser mit der Schwester meines Verlobten darüber debattierte, wer wirklich Ahnung von Kindern hatte und wer augenscheinlich nicht. Ihr Mann verteidigte sie und bauschte sich regelrecht auf, als mein Vater sagte, sie hätte keine Ahnung von dem wovon sie sprach.
„Keine Ahnung von Kindererziehung!? SIE wollen mich dazu belehren!? SIE!?“, schrie sie fast.
Sie war fassungslos. Ich auch.
„Anscheenend is datt ja nötig!“, antwortete mein Opa und hob die Arme.
„Sie sind doch verrückt! Was bilden Sie sich eigentlich ein?“, fragte meine zukünftige Schwägerin wutentbrannt und stieß ihren Stuhl nach hinten weg, als sie aufstand.
Dann sah mein Vater zu meinen Schwiegereltern in Spe: „Sagen Sie- Sie mal, wie spri- spricht Ihre To- Tochter mit meinem Vater!? Hat da wohl schon mit der schle- schlechten Erziehung angefangen, wa? Vor Älteren hat man Respekt!“, rief mein Vater.
Ich stöhnte und verbarg mein Gesicht in meinen Händen.
Meine zukünftige Schwiegermutter erhob sich und betitelte diese Beleidigung als Frechheit. Ich hätte eine deutlich andere Wortwahl gehabt, wäre ich an ihrer Stelle gewesen.
Mein, hoffentlich noch, Schwiegervater erhob sich ebenfalls und sagte, dass er und seine Frau ihre Kinder sehr wohl gut erzogen hätten und dies auch an deren Kinder wunderbar weitergegeben wurde. Dies stellte mein Opa wiederum in Frage.
Sie wurden immer lauter, stritten, brüllten und gingen sich fast an die Gurgel. Es wurde immer, immer schlimmer.
Meine Mutter zitterte am ganzen Leib und sagte, sie bringe den Kuchen in die Küche, da sicher niemand mehr welchen wollte. Aber ihr hörte eh niemand mehr zu. Sie stand auf, schnappte sich das Ding und wollte gerade rauseilen und flüchten, als mein Vater sie mit seiner Hand am Kopf traf, während er wild damit gestikulierte. Meine Mutter stolperte und die Torte flog mit voller Wucht gegen die Wand. Die Kinder lachten, mein Bruder und seine Freundin stimmten mit ein. Dass die noch da waren, hatte ich vollkommen vergessen. Sie waren ungewöhnlich still, was wahrscheinlich daran lag, dass sie so dermaßen stoned waren, dass sie wahrscheinlich gerade eine außerkörperliche Erfahrung durchlebten und gerade in Kenia mit den Antilopen um die Wette, durch die Steppe und dem Sonnenuntergang entgegen sprangen. Oder sie hörten die zermatschte Torte weinen und hielten eine Schweigeminute ab.
So oder so, sie waren weiiiiit, weeiiiit weg. Wie gerne wäre ich auch weiiiit, weeiiit weg gewesen.
Die Situation schaukelte sich soweit hoch, dass mein Vater durch das rumgefuchtel mit Armen und Beinen den Tisch umschmiss und sämtliche Teller, Tassen und die Kaffekanne, wie die Torte ein paar Sekunden zuvor, durch die Gegend flatterten.
Die Zwillinge fanden das alles ziemlich lustig und krabbelten unter den Tisch und spielen seither mit den Tassen, Tellern und der Sahne die überall im Raum verteilt sind. Meine Schwägerin hat samt Mann unsere Wohnung verlassen und ihre Kinder hier vergessen. Aber da mein Opa und mein Vater solch eine Flucht nicht einfach hinnehmen, weil sie ja Recht haben und die Anderen das zu akzeptieren haben, sind sie hinter her. Sowas muss ja ausdiskutiert werden, wir sind ja schließlich nicht im Kindergarten. Ich kann sie immer noch auf der Straße diskutieren hören.
Meine Mutter hat sich im Badezimmer eingeschlossen und nimmt bestimmt gerade sämtliche Beruhigungspillen, die sie in ihrer Tasche hat. Wir müssen nachher bestimmt noch die Feuerwehr rufen, damit die sie aus dem Badezimmer holt, wenn sie den Pillentrip ihres Lebens durchmacht.
Mein Verlobter versucht seine Eltern zu beruhigen, die ihm gerade sagen, dass er niemals in so eine Familie einheiraten kann, ohne mit dem Trinken anzufangen.
Mein Bruder und seine Freundin fragen sich gerade, ob die kaffeegetränkte Yucca-Palme gerade etwas gesagt hat.
Und ich sitze hier noch auf meinem Stuhl, starre in die Leere und habe Opas Flachmann in der Hand, der ihm beim rausstürmen aus der Hosentasche gefallen ist.

Ich gebe meinen „Vielleicht-noch-Schwiegereltern“ Recht: Das ist nüchtern alles nicht zu ertragen. Prost.