Sonntag, 15. April 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 6

Amelie verharrte noch lange mit ihrem Blick auf dem Foto ihres Großvaters. Als sie die Erzählung ihrer Großmutter nochmal Revue passieren ließ, fragte sie sich, ob ihre Großmutter ihn zu schnell aufgegeben hatte. Diese Geschichte hörte sich so nach Liebe an, wieso hat sie nicht mehr gekämpft? Oder war es ihr damals einfach nicht möglich?
Amelie konnte sich nicht vorstellen, dass Théo Gerda einfach so im Stich ließ, nicht wenn er sie wirklich geliebt hatte. Und davon war Amelie überzeugt. Was war passiert?

Amelie spazierte über den Dachboden, gedankenverloren, und fragte sich, was sie tun könnte. Théo ausfindig zu machen, wenn er in Frankreich lebte, wäre ziemlich schwer. Was oder wie sollte sie ihn schon finden.
Amelie ging von Ecke zu Ecke, hin und her, bis sie über eine lose Holzdiele im Boden stolperte und hinfiel.
»So eine verdammte...!«, fluchte sie. Sie sah zu Diele und versuchte sie mit der Hand runterzudrücken. »Was guckt dieses Mistding auch so raus!?«, fragte sie sich selbst. Wütend, weil sie die Diele nicht runterdrücken konnte, zog sie sie hoch und sah, dass dort etwas drunter lag. Skeptisch holte sie es heraus: Ein komplett zugestaubtes Bündel... Briefe! Sie pustete den Staub einmal runter und zog die Schleife auf. Sie waren alle an Gerda adressiert und waren alle von Théo. Amelies Wut verschwand sofort und sie schaute, ob unter der Diele noch etwas lag. Und ja, da lag ein rotes Buch. Auch total verstaubt, aber als Amelie es einmal abwischte, sah sie, dass es ein Tagebuch war. Ein Tagebuch von ihrer Urgroßmutter.
Sie schlug es in der Mitte auf und las ein paar Zeilen: »Er hat ihr schon wieder geschrieben. Dieser französische Bastard gibt einfach nicht auf. Wie er heraus gefunden hat, dass Gerda wieder hier wohnt werde ich wohl nie heraus finden. Letztens hat sie fast einen Brief gefunden, als sie die Post holte. Hätte ich ihr diese nicht aus der Hand genommen und sie in den Garten geschickt, hätte sie ihn gesehen. Ich werde nicht zulassen, dass er dieses Kind kennenlernt. Das bringt nichts gutes mit sich! Dieses Kind braucht keinen Vater, schon gar nicht so einen. Nicht so lange ich lebe.«
Amelie schluckte. Ihre Urgroßmutter hatte alle Briefe von Théo versteckt und Gerda hat sie wohl nie gefunden. Furchtbar, schockierend und skurril zu gleich. Die Wahrheit war die ganze Zeit zum Greifen nah gewesen und Gerda hat es nie gewusst. Amelie steckte das Tagebuch und die Briefe unter ihren Pullover und ging runter.
Gerda saß im Garten und starrte ins Nichts. Unsicher ging Amelie zu ihrer Großmutter und fragte sie, ob alles in Ordnung sei.
»Es war nur ein bisschen viel heute. Können wir morgen mit allem weiter machen?«
»Natürlich.«
»Danke.«, sagte Gerda und legte ihrer Enkelin die Hand auf ihre Schulter. Sie stand von der Gartenbank auf und ging ins Haus. Amelie umfasste ihren Bauch. Zum einen, weil ihr übel von diesem traurigen Anblick wurde und zum anderen, weil sie die Briefe fest umklammerte.

Am Abend las Amelie das Tagebuch ihrer Urgroßmutter. Es war voller Hass Théo gegenüber, den sie nicht verstehen konnte. Sie versteckte die Briefe aus purer Gehässigkeit. Hätte sie ihre Tochter beschützen wollen verletzt zu werden, wäre der Grund für diese Tat halbwegs nachvollziehbar gewesen, aber davon stand nichts in diesem Tagebuch.
Gerdas Mutter schrieb davon, dass sie ihrer Tochter eine Lektion erteilen wolle und Théo verstehen solle, dass ein Franzose und vor allem Soldat in dieser Familie nicht willkommen sei. Sie schrieb davon, dass das Kind (Amelies Mutter) vor ihm beschützt werden müsse und sie bei ihr nicht dieselben Fehler machen würde, wie bei Gerda. 
Harter Tobak den Amelie erstmal verdauen musste. Sie legte das Tagebuch zur späten Stunde zur Seite und versuchte zu schlafen. Ohne Erfolg. All diese neuen Erkenntnisse und Informationen und die Lebensgeschichte von Gerda schwirrten in Amelies Kopf herum. Nachdem sie eine Stunde lang versuchte einzuschlafen, knippste sie das Licht wieder an und machte einen der Brief auf. Es war einer der oberen.

»Meine liebste Gerda,

ich kann mir nicht vorstellen und auch nicht glauben, dass Du mir nicht antworten möchtest. Vielmehr befürchte ich, dass Deine Mutter die Briefe vor Dir versteckt. Sollte dies der Fall sei Dir gewiss, dass ich nicht aufgeben werde. Ich werde weder Dich aufgeben, noch unser Kind!

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Euch denke. Ich frage mich immer wieder, ob wir eine Tochter oder einen Sohn bekommen werden. Mein Gefühl sagt mir, es wird ein kleines Mädchen. Ein kleines, süßes Mädchen, was genau so schön ist, wie ihre Mutter. Ist dem so? 
Bei dem Gedanken wird mir wieder ganz kalt ums Herz, weil ich nicht bei Euch sein kann.
Ähnliches FotoIch habe nochmal mit meinem Kommandanten gesprochen, bei dem ich meine Versetzung beantragt habe. Er sagte, der Antrag sei noch nicht durch. Ich befürchte, er wird ihn ablehnen, denn sonst hätte ich schon längst eine Zusage bekommen.
Er kann nicht verstehen, dass ich bei meiner Familie sein möchte. Er meint, weil wir nicht verheiratet sind, wäre unsere Beziehung nur eine "kleine Affäre" gewesen und unser Kind das Resultat. Aber ich verspreche Dir, es ist nie so gewesen! Ich liebe Dich, meine liebste Gerda. Und ich liebe unser Kind.  Ich werde noch einmal mit ihm sprechen. Ich hoffe, ich kann bald bei euch sein!

In Liebe, Théo«

Amelie kullerten Tränen über die Wangen. Die Tragik hinter dieser Geschichte traf sie mitten ins Herz. Sie fing an ihre Urgroßmutter zu hassen, obwohl sie diese nie kennengelernt hatte. Zum Glück.
Amelie ließ noch ein paar andere Briefe. Sie waren vom Prinzip her sehr ähnlich, nur steigerte sich von Brief zu Brief die Verzweiflung Théos. Es brach Amelie fast das Herz.
Sie liebte ihre Großmutter und sie liebte ihre Mutter. Sie wollte, dass Gerda glücklich ist und ihre Mutter einen Vater hatte. Gerda hatte nie einen Mann an ihrer Seite. Amelie wusste jetzt wieso.
Nachdem Amelie noch lange nachdachte, schlief sie endlich ein. Als sie aufwachte war ihr klar, sie musste etwas unternehmen.
Sie rief Gerda an und sagte ihr, dass sie am späten Nachmittag kommen würde. Gerda war hörbar erleichtert. Wahrscheinlich, weil ihr die aufkommenden Gefühle und Erinnerungen immer noch zusetzten.

Amelie begann ihre Suche beim Stadtarchiv. Sie blätterte in Zeitungsartikeln, in alten Meldebescheinigungen und Akten. Eigentlich haben die Bürger keinen Zugang zu all den Unterlagen, aber da ihre beste Freundin als Aushilfe im Archiv arbeitete, konnte sie sie Amelie ganz einfach einschleusen.
Amelie fand eine alte Meldebescheinigung von Théo, die unter seinem richtigen Namen abgelegt war. Gott sei Dank, hatte Amelie das noch im Hinterkopf. Sie fand heraus, in welche Kaserne er in Frankreich versetzt wurde und schrieb eine E-Mail an diese. 
Sie saß lange vor dem Computer ihrer Freundin, aber wusste nicht wie sie anfangen sollte.
»Schreib doch einfach die Wahrheit.«, sagte Amelies Freundin.
»Wie aberwitzig ist das denn? Das glaubt mir doch keiner.«
»Ehrlich währt sich.«, sagte sie nur und klopfte Amelie einmal auf die Schulter.
Amelie schnaubte, aber schrieb die Geschichte ihrer Großmutter in die E-Mail und bat um Hilfe. Sie zögerte noch einen Moment, drückte aber dan auf Absenden. Mehr konnte sie erstmal nicht tun.

Danach fuhr sie zu Gerda. Sichtlich nervös, denn Gerda merkte sofort, dass etwas nicht stimmte als ihre Enkelin durch die Tür kam.
»Was hast Du angestellt?«, fragte sie.
»Nichts warum?«
»Du bist nervös.«
Amelie lachte unsicher: »Warum sollte ich?«
»Du hast wieder diesen roten Fleck am Hals. Den bekommst Du nur, wenn Du aufgeregt bist. Das nennt man Stressfleck.«
Amelie schluckte und verfluchte ihre Haut in diesem Moment.
»Ich... ich hab ein Geheimnis einer Freundin ausgeplaudert und weiß jetzt nicht was auf mich zukommt. Das stresst mich ein bisschen.«
Gerda schaute verwundert: »Na, sowas macht man aber nicht. Geheimnisse sind zum behalten da und nicht zum weitergeben. Da musst Du für gerade stehen.«
»Ich weiß.«
»Das wird schon, Liebes.«, sagte Gerda und legte Amelie eine Hand auf die Schulter. Amelie bekam ein schlechtes Gewissen. Sie hatte Gerda bis Dato noch nie angelogen.
»Sag mal, hast Du die Diele oben auf dem Dachboden rausgerissen?«
Amelie stockte. »Ich bin darüber gestolpert und gefallen. Da hab ich sie rausgenommen, weil ich sie nicht mehre eindrücken konnte.«
»Hast Du Dir weh getan?«
»Nein, alles gut.«
»Gott sei Dank! Ich wusste gar nicht, dass die locker war. Ich war selten auf dem Dachboden. Wahrscheinlich weil meine Mutter oft dort war und ich diesen Raum deswegen mit nicht so viel guten verbinde.«, sagte Gerda beiläufig.
Amelie schluckte und folgte ihrer Großmutter mit ins Haus. Sie fühlte sich unwohl und war aufgeregt. Sie hoffte, schnell eine Antwort aus Frankreich zu bekommen. Sonst würde sie nicht mehr ruhig schlafen können.

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Sonntag, 25. März 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 5

»Was ist dann passiert?«
»Ich habe die ersten Nächte in meinem Blumenwagen geschlafen. Ich verkaufte die restlichen Blumen am Straßenrand und kaufte mir von dem bisschen Geld etwas zu Essen und zu Trinken.«»Und Théo?«
»Ich wusste ja nicht wo er lebte oder wo ich ihn finden konnte. Das war vorher irgendwie nie ein Thema gewesen, wir haben einfach den Moment zusammen genossen.«
»Hast du ihn denn wieder gefunden?«
»Ja. Am nächsten Markttag fuhr ich zu meinem Platz. Aber Blumen hatte ich keine mehr. Also ließ ich den Wagen geschlossen und sagte jedem, der nach Blumen fragte, dass mir in jedem Moment welche geliefert werden würden und ich selbst darauf wartete. Gott sei Dank glaubten mir die Leute. Die Zeig fing an zu schleichen und die Freundin meiner Mutter beobachtete mich mit missbilligen Blick. Sie wusste Bescheid. Gott sei Dank ließ sie mich in Ruhe. Es war schon fast Nachmittag als Théo kam. Aber er kam.
'Wie geht es dir, meine Liebste?', fragte er leise und ich erzählte ihm, was passiert war. Er war fassungslos und beschloss mich mit zu ihm zu nehmen. Er lebte nicht in der Kaserne, da er Offizier war und schon länger in Berlin lebte. Mein Glück. Da ich nur noch meine Putzstelle hatte, war ich viel bei ihm zu Hause und kümmerte mich um den Haushalt. Was anderes konnte ich nicht machen. Aber wir waren glücklich.«
»Aber da muss doch noch was vorgefallen sein, sonst wäre er doch... jetzt hier.«, sagte Amelie leise.
Gerdas Gesichtszüge wirkten müde.
»Ja. Er wurde abgezogen.«
»Was? Einfach so?«
»Ja.«
»Aber...«, fing Amelie an, aber Gerda hob die Hand.
»Wir lebten ein paar Wochen zusammen. Drei um genau zu sein. Dann bekam er einen Brief in dem stand, er solle zurück nach Frankreich. Es hätte keinen schlimmeren Zeitpunkt geben können. Ich hatte mein altes Leben gerade aufgegeben und sollte mein neues nun auch hergeben.«
»Hättest du nicht mitgehen können?«
»Ich habe es versucht. Ich habe einen Ausreiseantrag gestellt, aber der wurde direkt abgelehnt. Heimlich mitzugehen wäre zu gefährlich gewesen. Wir hatten keine Wahl. Wir hatten noch eine Woche zusammen, ehe er gehen musste.«
»Das ist ja furchtbar.«
»War es. Ich konnte nicht in der Wohnung bleiben, da sie für einen neuen Offizier gebraucht wurde. Eine eigene Wohnung konnte ich mir nicht leisten, da ich nur noch die Putzstelle hatte und nicht viel verdiente.«
»Und was hast du dann gemacht?«
»Théo brachte mich bei seiner Sekretärin unter. Sabine. Sie war sehr nett zu mir und wir verstanden uns sehr gut. Sie beschaffte mir einen Job in der Poststelle der Kaserne. Glück im Unglück, hat sie es genant. Sie war so gut zu mir.«
»Warte mal. Sabine? Deine Freundin?«
»Ja.«
»Deine Romme-Freundin? Die, mit der du jahrzehntelang Karten gespielt hast?«
»Genau die.«
»Oh, Gerda.«
»Sie war die Einzige, neben dir jetzt, die von alldem wusste. Wir hatten eine schöne Zeit. Wir lebten zusammen und wurde sehr gute Freundinnen. Sie war meine Familie zu der Zeit.«
»Und deine Mutter?«
»Die habe ich mehrere Monate nach meinem Auszug nicht mehr gesehen.«
»Mmh. Und dann?«
»Durch Sabine hatte ich wieder ein geregeltes Leben und ich war ihr mehr als Dankbar dafür. Sie verschaffte mir Théos Adresse und wir schrieben uns jede Woche mindestens zwei Briefe. Er versuchte wieder nach Deutschland zu kommen, aber es war ihm nicht möglich. Er hatte zwar kein direktes Einreiseverbot, aber da er erst in Berlin war, konnte er so schnell nicht wieder zurück kommen. Und ich durfte nicht ausreisen. 
Er fehlte mir sehr, aber es ging ja nicht anders. Also versuchten wir mit der Situation zurecht zu kommen. Und dann kam der Moment in dem sich alles veränderte.«
»Was ist passiert?«, fragte Amelie gebannt.
»Mir ging es nicht gut. Ich hatte schwere Kreislaufprobleme und Magenkrämpfe. Bei der Arbeit wurde ich ohnmächtig und fiel einfach um. Gott sei Dank wurde ich von einem Kollegen aufgefangen, sonst hätte ich mir vermutlich den Kopf böse angestoßen.
Ich wachte auf der Krankenstation wieder auf und als ich die Augen öffnete, blickte ich in das lächelnde Gesicht einer Krankenschwester.
'Was ist passiert?',. fragte ich sie.
'Sie sind umgekippt wie ein Sack Kartoffeln, meine Liebe. Sie müssen in Ihrem Zustand ein bisschen aufpassen und kürzer treten.', sagte sie mir.
'In meinem Zustand?', fragte ich und setzte mich langsam auf.
'Ja, oh machen Sie langsam. Seien Sie einfach etwas vorsichtiger, sonst könnte das Baby Schaden nehmen.', sagte sie und ich riss meine Augen auf.
'Baby!? Das muss ein Irrtum sein.', sagte ich erschrocken und ich spürte richtig, wie mein Herz anfing zu rasen.
Verdutzt sah sie mich an: 'Wussten Sie es nicht?'
'Sehe ich gerade so aus, als hätte ich es gewusst!?', fuhr ich sie an.
'Oh, Ent-, Entschuldigung! Ich rufe eben den Arzt.', flüsterte die Krankenschwester und ergriff die Flucht. Es begann sich wieder alles zu drehen und ich musste mich richtig bemühen, um ruhig zu bleiben. Als der Arzt kam, beruhigte er mich und untersuchte mich einmal gründlich.
Ja, ich war schwanger. In der neunten Woche. Und ich war allein. Natürlich war Sabine da, aber Théo nicht. Der war in Frankreich und durfte nicht wiederkommen und ich durfte nicht zu ihm. Und sein Kind genau so wenig. Auch da kannte der Staat keine Ausnahme. Ich habe mich in diesem Moment unglaublich verloren gefühlt.«
»Hast du es Théo denn direkt geschrieben?«, fragte Amelie.
»Nein, ja. Ich wurde nach meiner Untersuchung direkt nach Hause geschickt, wo ich auf Sabine wartete. Ich weinte mir die Seele aus dem Leib. Sie hatte gehört was passiert war und kam eher Heim, um nach mir zu sehen.
'Oh Gerda! Ich habe es gehört. Umgefallen? Was ist denn passiert?', fragte sie, als sie mich sah und durch die Tür kam.
Aber ich brachte keinen Ton heraus, sondern weinte nur weiter. 'Gerda, was ist los?', fragte sie. Sie war richtig unsicher und setzte sich neben mich und nahm mich in den Arm.
'Sabine, ich bin schwanger!', platzte es aus mir heraus und dann wurde es ganz still. Sabine wurde ganz still. Und dann ließ sie mich wieder los.
Ich sah sie an und sie mich.
'Von wem?', fragte sie leise und musterte mich.
'Théo, von wem sonst?', antwortete ich unter Tränen.
'Ihr habt miteinander geschlafen?', fragte sie ungläubig und dann war mir klar, wo ihr Problem war: Sie war stets überzeugte Christin gewesen und ich habe gesündigt.«»Was!? Das ist doch ein Witz.«»Nein. Amelie, du musst verstehen: Damals waren die Zeiten noch ein bisschen anders. Sowas wurde verpönt und war überhaupt nicht gern gesehen.«
Amelie seufzte.
»Sie hat mich nicht mehr ansehen können und bat mich auszuziehen.«»Was!? Sie hat dich auf die Straße gesetzt?«

»Ja.«
»Und du warst trotzdem noch so lange mit ihr befreundet?«, fragte Amelie, schrie fast. Die Vorstellung, dass ihre Großmutter als junges, schwangeres Mädchen von ihrer besten Freundin damals auf die Straße gesetzt wurde, ließ sie gänzlich kochen.»Ja. Ich habe ihre Überzeugung verletzt, ihren Glauben. So war es damals nun mal. Ich habe dafür Verständnis. Zwar war ich auch sauer und habe sie auch angeschrien, aber im Nachhinhein... war es halt so.«
Amelie seufzte.»Sabine sprach fast fünf Tage nicht mit mir und ignorierte mich bis sie mir sagte, sie könne mit mir nicht mehr unter einem Dach wohnen.
'Du willst mich rauswerfen? Wo soll ich denn hin?', fragte ich sie wütend.

'Es gibt Mutter-Kind-Häuser oder Klöster. Vielleicht kannst du auch zu deiner Mutter zurück. Aber hier kannst du nicht bleiben.', sagte sie knapp und verließ die Wohnung. Ich ließ mich auf das kleine, blaue Sofa fallen und wusste nicht wie mir geschah.
Ich beschloss Thèo zu schreiben, was ich schlussendlich auch tat. Ich schrieb ihm von meiner Schwangerschaft und das ich mir nun eine neue Bleibe suchen musste. Ich schrieb ihm alles und von meinen Plänen.«
»Was sagte er dazu?«, fragte Amelie.
»Nichts. Ich habe nie eine Antwort erhalten.«
»Warte, was?«
»Ja.«
»Aber...«
»Ja. Ich weiß nicht, ob ihm etwas zugestoßen war oder ob er mit der Verantwortung nicht leben konnte. Aber ich habe nie eine Antwort erhalten.
Ich habe ihn gesucht, aber in der Kaserne bekam ich nie eine Auskunft. Ich habe mich sogar ins Aktenarchiv geschlichen, um seine Personalakte zu finden. Aber ich wurde erwischt und gekündigt. Schwanger, Obdach- und Arbeitslos. Es war eine Katastrophe. Mir blieb keine Wahl, ich musste zurück zu meiner Mutter.«

»Oh je.«
Ähnliches Foto»Mein Bauch war schon zu sehen und ich konnte ihn nicht mehr verstecken. Sie hätte es so oder so gesehen. Als ich klingelte und sie mir gegenüber trat fing sie an zu weinen.
'Oh Kind. Ich habe es dir doch gesagt.', waren ihre Worte.

Ich hätte ihr in diesem Moment am Liebsten eine gepfeffert, denn das konnte ich in dieser Situation nun wahrlich nicht gebrauchen.«
»Aber du bist hier geblieben und hast Mama bekommen.«
»Genau. Ich habe sie hier bekommen, sie hier groß gezogen und bin in diesem Haus geblieben. Da wo alles angefangen hat.«
»Hast du je wieder was von ihm gehört?«, fragte Amelie leise.
»Nein. Und ich habe auch nie aufgehört ihn zu lieben. Ich hoffe, er hatte ein schönes Leben.«
»Meinst du er lebt nicht mehr?«
»Wer weiß das schon.«
»Ich bin damals noch ab und zu an unserer kleinen Wohnung vorbei gefahren. Aber an seinem Klingelschild stand immer ein anderer Name. Ich glaube nicht, dass er je wieder nach Berlin zurück gekehrt ist. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden. Ein Teil von ihm hatte ich stets bei mir, deine Mutter. Das hat meine Schmerzen etwas gelindert. Und noch mehr, dass sie mir immer so viel gegeben hat. Sie ist ein tolles Kind.«, sagte Gerda und stand auf. Sie schniefte einmal und verließ den Dachboden. Und Amelie ließ sie.
Als sie nochmal auf das Foto in ihren Händen blickte fiel ihr nochmal auf, wie ähnlich Théo eigentlich ihrer Mutter sah.


© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Montag, 19. März 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 4

»Ausgangssperre?«, fragte Amelie.
»Ja.«
»Für wie lange?«
Gerda seufzte: »Bis zum bitteren Ende.«
Amelie stockte der Atem. Ihre Urgroßmutter, Gerdas Mutter, sperrte sie im wahrsten Sinne des Wortes ein.

Nachdem Gerda nach ihrem Wutausbruch wieder nach Hause kam, wartete ihre Mutter schon mit einem Schlüsselbund in der Hand.
»Was hast du vor?«, fragte Gerda, aber sie bekam keine Antwort. Stattdessen zerrte ihre Mutter sie ins Haus und die Treppe hoch. Dann über den Flur und schubste sie schlussendlich in ihr Zimmer.
»Ich tue das für dich.«, murmelte sie und verschloss die Tür.

»Ja, aber wie lange?«, fragte Amelie nochmal.
»Mehrere Tage.«
Amelie schluckte. »Und wie ging es dann weiter?«
Gerda lächelte verbittert. »Es war absurd. Die ersten zwei Wochen sperrte sie mich im Haus ein und es war eine Qual. Sie fuhr für mich zum Markt und traf tatsächlich auf ihn.«
»Und?«
»Na was wohl? Sie war außer sich. Er kam an den Stand und fragte nach mir. Charmant wie er war. Mit seinem Akzent, den er nicht verbergen konnte.«
»Oh nein.«
Gerda nickte. »Als meine Mutter nach Hause kam, hat sie sich direkt den Rohrstock neben dem Schuhschrank im Flur genommen und mir eine ordentliche Tracht Prügel verpasst. Ich konnte mehrere Tage weder sitzen noch auf dem Rücken liegen zum schlafen. Sie war weniger wütend darüber, dass ich sie angelogen habe. Es war die Tatsache, dass er Franzose war. Absurd. Es war so absurd.
Sie merkte aber nach zehn Tagen, dass sie uns alleine nicht finanzieren konnte. Also schickte sie mich wieder auf den Markt. Aber das nicht ohne mich vorher noch einmal zu prügeln und mir zu drohen. Außerdem ließ sie ihre Freundin auf mich aufpassen. Sie sollte auf dem Markt ein Auge auf mich haben. Sie hatte ja auch den Stand schräg gegenüber von meinem Blumenwagen.«
»Und dann?«
»Ich ging wieder auf den Markt und hatte sogar ein Veilchen dabei. Aber nicht in meinem Wagen, sondern in meinem Gesicht. Théo war außer sich und gleichzeitig unglaublich geschockt, als er mich sah. Ich lächelte mit Tränen in den Augen und schüttelte den Kopf. Dann sah ich zu der Freundin meiner Mutter die mich kritisch beäugte und Théo folgte meinem Blick. Er wusste sofort Bescheid. Er nickte und ging schweren Herzens an meinem Wagen vorbei. Noch nie hat mir etwas so wehgetan.
Als die Freundin meiner Mutter Pause machte und zum Toilettenwagen ging, spürte ich hinter mir plötzlich jemanden stehen. Théo. Er hatte die ganze Zeit gewartet bis der Moment günstig war.
Er nahm meine Hand und zog mich hinter meinen Blumenwagen, dort wo uns niemand sah. Da nahm er mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Das erste Mal. Und es war so ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Schmetterlinge und Wirbelstürme trafen in meinem Magen aufeinander.
'Nichts und niemand wird mich je davon abhalten dir nah zu sein. Das darfst du nie vergessen. Wir werden einen Weg finden.', sagte er. Wir lehnten unsere Köpfe aneinander und dann verschwand er.«, Gerda schluckte und schüttelte sich kurz. Amelie legte ihr die Hand auf ihren Oberschenkel.
»Liebe.«, sagte sie.
»Wahrhaftige.«, antwortete Gerda. »Als ich abends alles zusammen räumte und nach Hause fuhr, tat mir die Brust weh. Nicht wegen der Schläge mit dem Rohrstock. Mein Herz hatte Sehnsucht. Meine Mutter stand schon in der Tür und wartete auf mich, als ich meinen Wagen vor dem Haus parkte. Als ich sie sah wurde ich wieder wütend. Ich wollte sie nicht hassen, aber ich konnte nichts dafür. Ich hatte das Gefühl nicht unter Kontrolle.
'Wie war dein Tag? Hast du dich benommen?', fragte sie mich schnippisch als ich an ihr vorbei ging.
'Frag doch deinen Wachhund.', antwortete ich nur grantig und stapfte die Treppe hoch.
Ich sprach sehr lange nicht mir ihr. 
Ich schmiss mich auf mein Bett und verharrte lange mit dem Gesicht im Kissen. Bis ich es hörte.«
»Es hörte?«
»Ein klicken. Steine. Steine, die an mein Fenster geworfen wurden. Ich stand leise auf und ging zum Fenster. Und da war er wieder: Théo.«
»Wie hatte er dich gefunden?«
»Er ist mir bis nach Hause gefolgt.«
Amelie lächelte.
»Ich öffnete mein Fenster und rief leise: 'Was machst du hier? Was ist, wenn dich jemand sieht?'
'Dann renne ich davon und komme wieder, wenn alle wieder schlafen.'
Ich kicherte.
'Hast du ein Seil?', fragte er und ich sah mich um. Natürlich hatte ich keins. Also knotete ich all meine Bettlaken zusammen. Und es hielt. Théo konnte ohne Probleme die Hauswand bis in mein Zimmer hochklettern. Er blieb bis die Sonne aufging und hielt mich in seinen Armen. Das machten wir fortan jede Nacht so. Aber die Laken musste ich irgendwann auch benutzen, also musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Ich sparrte mein Geld und kaufte eine hohe Palisade. Meiner Mutter sagte ich, ich würde Kletterpflanzen daran züchten wollen. Sie glaubte mir. Schließlich dachte sie auch, dass Théo und ich uns nicht mehr sehen würden, da er den Markt nun mied. Die Palisade war stabil und so konnte er jede Nacht zu mir hinauf klettern.
Manchmal hielten wir uns nur in den Armen und manchmal erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten. Und jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, brach mir das Herz. Denn ich musste ihn dann wieder gehen lassen.
Eines Nachts hilt Théo mich in den Armen und sah mir in die Augen. Es war einer jener Blicke die Bände sprachen. Ich wusste was er mir sagen wollte und er wusste, dass ich es verstand. Dennoch sprach er es aus: 'Ich liebe dich.' Die Zeit stand, die Uhr hörte auf zu ticken. Ich erwiderte diese drei Worte und küsste ihn. Das war die Nacht, in der deine Mutter gezeugt wurde.
Aber als er morgens aus meinem Fenster kletterte geschah es: Meine Mutter sah ihn. Sie war früh wach und im Garten. Ich sah sie genau so wenig wie Théo und als er unten ankam erschrak sie so sehr, dass sie aufschrie. Auch Théo erschrak, aber als er zu mir hinauf blickte war uns meine Mutter völlig egal. Wir lachten und er rief: 'Ich liebe dich, mon Cherie!' und er rannte davon. Natürlich war meine Mutter wieder außer sich, aber an diesem Tag ließ ich mich nicht nochmal schlagen. Als sie mit dem Rohrstock kam und ausholte, hielt ich ihn mit der rechten Hand fest.
'Du kannst mir mein Glück nicht verweigern.', sagte ich.
'Das ist kein Glück.'
'Was ist Liebe dann?'
'Was weißt du schon von Liebe?', schnaubte meine Mutter.
'So wie es aussieht mehr als du.'
Sie kniff die Lippen zusammen. 'Dafür hast du die Palisade also gekauft. Ich fasse es nicht. Wenn du ihn noch einmal wieder siehst.', fing sie an.
'Was dann? Es reicht, Mutter. Ich gehe.', sagte ich und in diesem Moment ließ meine Mutter die Arme sinken.
'Du gehst?', fragte sie plötzlich leise und kurz tat sie mir leid. Diese alte, verbitterte Frau. Aber ich konnte mein Leben nicht aufgeben, nur weil sie es getan hatte.
'Ja, ich gehe.', sagte ich also knapp.
Und dann stieg wieder Wut in ihr hoch. 'Dann geh doch! Du verlässt deine eigene Mutter für so einen daher gelaufenen Soldaten. Wer weiß die wievielte du schon bist!'
'Nein, ich verlasse ein Monster für einen Menschen, der mich wirklich liebt.', sagte ich und ging. Ich nahm meine Tasche und ging. Und es war ein so befreiendes Gefühl durch die Haustür zu gehen und den Wind zu spüren. Die Vögel zu hören und die warme Sonne zu fühlen. Ich war frei.
Ich setzte mich in meinen Blumenwagen und fuhr davon. Ohne Geld, ohne Ahnung wohin. Aber ich fuhr. Ich fuhr erstmal. In ein neues Leben.«

© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Hier geht es zu Part 5 :-)


Sonntag, 11. März 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 3

»Also?«, fragte Amelie.
»Also, was?«
»Wieso Théo?«
Gerda stöhnte: »Das hatte mehrere Gründe. Zum einen, weil mir sein Name schlicht weg nicht gefiel und zum anderen, weil meine Mutter nichts für Soldaten übrig hatte. Noch weniger für ausländische und schon schon gar nichts für Franzosen, du kennst ja das Klischee: Alles Serienromantiker.«
»War er denn so einer?«
»Nicht im geringsten.«
»Aber was änderte denn der Name an der Einstellung von deiner Mutter?«, fragte Amelie.
»Sie dachte, er käme aus Deutschland.«
»Aber hat sie ihn nie getroffen?«
Gerda seufzte: »Einmal. Und das war am Ende.«
»Ende?«, fragte Amelie verdutzt.


»Nachdem Théo mir die Blumen in den Wagen gelegt hatte, kam er mich an sämtlichen Markttagen besuchen. Natürlich freute ich mich ihn zu sehen und war jedes Mal verlegen, da er mir Avancen machte. 
An dem Mittwoch, den ersten Markttag nach seinem Geschenk, war ich fürchterlich aufgeregt und wusste gar nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich wusste, er würde kommen. Ich war so nervös, ich schnitt mir mehrfach in den Finger, als ich eigentlich die Blumen hätte anschneiden sollen. Einer Kundin gab ich das falsche Wechselgeld, das einer anderen Kundin ließ ich fallen.
Als er gegen Mittag dann auftauchte, war ich nicht mehr ich selbst. Schüchtern, zurückhaltend, aufgeregt. Wie ein kleines Mädchen, dass das erste Mal verliebt ist. Aber das war ich auch: Ein Mädchen, dass das erste Mal verliebt war. Er lächelte mich an und ich vergaß alles um mich herum. Ja, es klingt kitschig. Aber so war es. 
'Guten Tag', sagte er nur, ich weiß es noch ganz genau, und ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke. Ist das nicht ekelig und peinlich zugleich? Er schmunzelte nur und ich lächelte verlegen. Ich konnte nichts sagen.«
»Hast du dich gar nicht mit ihm unterhalten?«, fragte Amelie.
»Nein, an diesem Tag nicht.«, sagte Gerda und verzog den Mund.
»Und dann? Muss ich dir denn alles aus der Nase ziehen?«
Gerda lachte. »Kind, das ist mir unangenehm. Merkst du das nicht?«
»Ach komm.«
»Schon gut. Als er mich begrüßte, lächelte ich ihn kurz an und wendete mich direkt wieder meiner Arbeit zu. Zumindest tat ich so, als ob ich die Schnittblumen sortieren würde.
Er fragte, wie es mir ginge und wieder lächelte ich ihn an und nickte einmal.
Er räusperte sich: 'Nun, dann will ich Sie nicht weiter bei Ihrer Arbeit stören. Einen schönen Tag, wünsche ich noch.' Dann verneigte er sich kurz und ging.«
»Er war enttäuscht.«, stellte Amelie fest.
»Natürlich war er das. Als er sich umdrehte und ging, biss ich mir auf die Lippe und schrie mich innerlich an. Ich fragte mich, was los mit mir sei, obwohl ich das schon längst wusste. Ich schwor mir, dass ich bei seinem nächsten Besuch meine Stimme benutzen würde, war mir aber gleichzeitig unglaublich sicher, dass ich ihn nicht nochmal wiedersehen würde.
Samstag kam er aber wieder und begrüßte mich mit einem herzlichen: 'Guten Morgen.' Ich schluckte einmal und antwortete: 'Gu- Guten Morgen.'
Er zog eine Augenbraue hoch. 'Sie können ja doch noch sprechen.'
'Ähm, ja. Entschuldigung, ich war am Mittwoch etwas erkältet und hatte Halsschmerzen.', log ich.
'Im August?'
'Nun, ja. Ich stand am Mittwoch im Zug.'
'Sind sie weggefahren?'
'Was? Nein, ich meine im Zug. Also ich habe Zugluft abgekommen. Eine kalte Brise.', versuchte ich ihm zu erklären.
'Ah, ich verstehe. Aber sie standen doch genau an derselben Stelle wie jetzt?', fragte er ungläubig.
'Ja, aber... ich habe mich nicht hier verkühlt, sondern... in meinem Garten, abends bei der Arbeit daran.', stotterte ich. Und weißt du was? Er glaubte mir. Er lächelte mich an und ich lächelte zurück. Das war der Beginn von allem und gleichzeitig das Ende. 
Immer wenn er mich besuchte, redeten wir die ganze Zeit und ich bediente nur nebenbei die Kunden. Und genau das war mein Fehler, denn eine Freundin meiner Mutter bekam das ganze Spektakel mit und berichtete ihr darüber. Sie war natürlich wütend, denn sie merkte schon an meinen Einnahmen, dass etwas nicht stimmte. Als sie mich auf meinen Männerbesuch ansprach, sagte ich ihr, Jacque hieße Théo. Das er Soldat war, konnte ich nicht verschweigen, denn die Freundin meiner Mutter hatte dies schon erzählt. Er trug ja auch stets seine Uniform. Was sie ihr aber nicht sagte war, dass er ein französischer Soldat war.
'Ich will nicht, dass du weiter mit ihm sprichst.', sagte sie.
'Wieso?', fragte ich erschrocken.
'Du sollst dich auf die Arbeit konzentrieren und nicht auf Männerfang gehen! Wir brauchen das Geld, das weißt du genau.'
'Männerfang? Entschuldige mal, es ist ja nicht so, dass ich den Stand verlasse und jeden Mann anspreche, der mir über den Weg läuft! Außerdem bin ich erwachsen, du kannst mir das nicht verbieten.', sagte ich frech. Eigentlich war ich meiner Mutter immer respektvoll gegenüber, aber es gab Punkte, da war ich meinem Vater sehr ähnlich. Ich war störrisch, ein Dickkopf und ging manchmal schnell an die Deckte.
'Ach nein?'
'Nein.'
'Gerda, ich warne dich!'
'Wovor? Vor dem Leben!?'
Sie stöhnte: 'Hast du meine Fehler vergessen?'
'Du findest es war ein Fehler, meinen Vater zu heiraten? Ohne ihn würde es mich nicht geben.'
'Nein, aber was habe ich jetzt davon? Geldsorgen, ich bin alleinerziehende Mutter und allein! Soldaten bringen nichts gutes mit sich. Sie leben für die Armee und die Familie ist Nebensache. Irgendwann wird er in den Krieg ziehen und wahrscheinlich nicht wieder kommen.'
'Das weißt du doch gar nicht!'
'Ach, so läuft es doch!'
Ich wurde wütend und konnte mich nicht mehr zurückhalten: 'Mutter, projiziere deine Fehler nicht auf mich. Ich bin nicht du. Es gibt keinen Krieg mehr, der ist vorbei. Und Théo ist nicht Vater.'
Ich verließ das Haus und knallte die Tür hinter mir zu. Ich ging lange spazieren, aber ich wusste, dass nicht die Wut in mir sprach, sondern mein Herz.«

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© Dia Nigrew/Claudia Wergin

Samstag, 3. März 2018

Der Mann auf dem Foto - Part 2

»Was?«, fragte Amelie ungläubig. »Ich dachte er wäre Soldat gewesen?«
»War er auch. Mensch Amelie, das sieht man doch auf dem Foto.«, grummelte Gerda.
Amelie zog eine Augenbraue hoch. »Oma, ich versteh nicht...«
Gerda seufzte. »Ja, was soll ich sagen? Wo fängt man da an?«, sagte die alte Frau mit Tränen in den Augen.
»Am besten da, wo alles begonnen hat.«, sagte Amelie und legte ihre Hand auf die ihrer Großmutter.

»Selbst deine Mutter kennt dieses Foto nicht.«, begann Gerda. »Deine Mutter weiß gar nichts, was auch besser so ist, besser so war.«

Gerda schloss die Augen und holte tief Luft. »Théo war französischer Soldat und war damals wegen einem Einsatz in Berlin. Zwar war der Krieg schon lange vorbei, aber ausländische Soldaten kamen und gingen nach Berlin wie Touristen es heute hier tun.
Ich arbeitete auf dem Markt ein paar Straßen weiter und verkaufte die Blumen, die meine Mutter damals im Garten züchtete. Es war ein kleiner Verdienst, aber besser als nichts. Mein Vater war schon lange tot, starb selbst im Krieg, als ich noch ein Baby war. Meine Mutter hatte nur noch mich und dieses große Haus. Und ihren Garten. Nebenbei arbeitete sie noch in einem Kaufladen, ich verdiente mir ein bisschen Geld damit für ältere Herrschaften einkaufen zu gehen und ihre Wohnungen zu putzen. Auf dem Markt arbeitete ich zweimal die Woche: Mittwochs und samstags. Meine Mutter war währenddessen immer im Kaufladen.«, Gerda strich über das vergilbte Foto.
»Es war ein warmer Samstag im August. Nicht schwül, nicht zu heiß. Es war angenehm. Ab und zu wehte eine leichte Brise. Ich vertrieb mir die Zeit immer dadurch, die vorbei kommenden Menschen zu beobachten. Menschen, die die Lebensmittel an den anderen Ständen streng begutachteten und die, ihrer Meinung nach, besten Exemplare des Obstes und Gemüses aus den Kisten heraus pickten. Menschen, die sich mit ihren Nachbarn unterhielten, die sie zufällig beim vorbei gehen trafen. Menschen, die den Sparziergang und den Trubel auf dem Markt genossen. Und als ich meine Blicke wie üblich kreisen ließ, da sah ich ihn. Einen Soldaten, der ein paar Orangen kaufte. Er hatte braune, zur Seite gekämmte Haare und einen Schnurrbart. Seine Augen waren dunkel, seine Haut aber hell. Er lächelte den Obstverkäufer an und verneigte sich sogar kurz, als er bezahlte. Dann trafen sich unsere Blicke und die Zeit blieb stehen. Die Menschen gingen nur noch in Zeitlupe über den Markt, mein Herz schlug unglaublich schnell und gleichzeitig nur alle drei Sekunden. Es war magisch. Doch dann drehte er sich langsam um und ging in die gegengesetzte Richtung.«
»Was?«, fuhr Amelie dazwischen. Gerda zog die Augenbrauen hoch, lächelte aber dann.
»Am Anfang des Marktes saß immer ein kleines Mädchen und bettelte. Sie hatte weniger als wir und versuchte so an ein wenig Geld zu kommen. Er ging zu ihr und gab ihr die Orangen und sie freute sich mehr darüber, als über ein paar Pfennige. Danach sah er mich nochmal an und ich merkte, wie ich errötete, weil ich ihn so anstarrte.«
»Und dann?«, fragte Amelie.
»Dann war er fort.«
Amelie stöhnte, aber Gerda nahm ihre Hand und zwinkerte ihr zu.
»Den darauf folgenden Mittwoch war ich wieder auf dem Markt. Aber ich beobachtete die Leute nicht mehr so, wie ich es sonst immer tat. Ich hielt Ausschau.«
»Nach Théo?«
»Ja. Und umso mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde ich. Bis ich ihn sah. Er und zwei weitere französische Soldaten schlenderten über den Marktplatz. Seine zwei Kameraden alberten rum und lachten laut, nur er war ruhig. Bedächtig. Auch er hielt Ausschau zu halten und dann trafen sich wieder unsere Blicke. Und wieder blieb die Zeit stehen. Es ist ein Gefühl, wie man es nur einmal im Leben verspüren kann. Wenn Zeit und Raum verschwimmen, der Bauch unruhig wird und das Herz und der Atem schnell gehen, obwohl man das Gefühl hat, nichts im eigenen Körper funktioniert mehr. 
Sie kamen in meine Richtung und ich wurde regelrecht panisch. Ich wendete meinen Blick ab und fing an die Blumen anzuschneiden.
'Bonjour, Madame', sagte eine Männerstimme und ich hielt die Luft an. Es war Théo.
'Gu- guten Tag.', stotterte ich und ich kam mir so doof dabei vor. Ich meine du kennst mich, Amelie. Ich bin nicht jemand, dem es schnell die Sprache verschlägt.
'Sie waren schon am Samstag hier.', bemerkte er. Er sprach nur mit sehr leichtem Akzent, was mich etwas verwunderte.
'Ja, ich bin an beiden Markttagen hier.'
'Sie haben mich beobachtet.', sagte er mit einem Lächeln und ich schluckte. Ich merkte, wie meine Augen kurz groß wurden. Ich holte tief Luft, den erst in diesem Moment beschloss ich, mich zusammen zu reißen. Ich erkannte mich nicht wieder.
'Nun, das kann ich nicht leugnen. Ich beobachte die Menschen auf dem Markt immer, dann geht die Zeit schneller herum. Verzeihen Sie, wenn Sie sich belästigt gefühlt haben.', sagte ich etwas barsch. Ich wusste nicht, warum ich mich im Ton vergriff. Wahrscheinlich, weil ich mich schämte. Ich weiß es nicht.
Bildergebnis für DalienEr zog eine Augenbraue hoch. 'So? Mögen Sie Ihre Arbeit etwa nicht?'
'Doch, wieso?', fragte ich verdutzt.
'Weil Sie es so sagten, als täten Sie es nicht gerne.'
'Nein. Ich meine doch! Doch, ich liebe diesen Stand. Das war nur so... daher gesagt.', stammelte ich. Im Hintergrund sah ich, wie seine Freunde kicherten und mich ansahen.
'Kann ich denn etwas für Sie tun? Möchten Sie Blumen kaufen?'`
Er räusperte sich: 'Ja, in der Tat. Was empfehlen Sie für eine junge Frau, etwas störrisch, wie sie mir erscheint, aber unglaublich liebreizend. Ich kenne sie noch nicht so lange.'
Enttäuschung kam in mir hoch. Ich hätte es mir auch denken können. Ich schluckte einmal und empfahl ihm gelbe Dahlien.
'Haben sie eine Bedeutung?', fragte er und ich wunderte mich etwas darüber.
'Ähm, nein. Aber sie sehen doch aus wie kleine Sonnen und ich finde sie passen zum Sommer: Hell, fröhlich, unbekümmert. Sie strahlen eine gewisse Freude aus.'
Er nickte und nahm ein Bündel mit und bezahlte.
'Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.', sagte er und verneigte sich kurz. Ich brach mir ein Lächeln ab und sah ihm wehmütig hinterher.
Der Rest des Tages verging natürlich überhaupt nicht und als ich abends endlich einpacken konnte, war ich froh darum. Ich packte die Blumen ein und ladete alles in den Transporter, den ich mir von meinen Ersparnissen extra für die Markttage gekauft hatte.
Ich war die letzte auf dem Marktplatz, es dämmerte schon. Aber ich machte meistens länger, denn meist kamen am späten Nachmittag noch ein paar Ehemänner, die ihren Ehefrauen ein paar Blumen kaufen wollten.
Ich fühlte mich etwas unwohl, nicht nur wegen meiner Enttäuschung, auch weil ich das Gefühl hatte, ich würde beobachtet werden. Aber ich konnte niemanden sehen. Einmal rief ich auch 'Hallo? Ist da jemand?', aber keiner antwortete. Als ich hinten alles zu machte, hörte ich ein knacken. Vorne am Wagen. Ich blieb wie versteinert stehen, aber traute mich trotzdem um die Ecke zu schauen. Aber niemand war da. Als ich vorsichtig zur Autotür ging, sah ich plötzlich einen Strauß gelber Dahlien hinter dem Lenkrad liegen. Ich öffnete die Tür und nahm das Kärtchen, das dabei lag:
'Sie gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hoffe, die Dahlien erhellen ihren Tag genau so sehr, wie sie meinen erhellt haben. Ich heiße übrigens Jacque.'«
»Hä? Ich dachte, er hieß Théo?«, warf Amelie ein und Gerda lachte. 
»Ja ja. Dazu komme ich doch gleich!«, sagte sie und schloss die Augen. Tränen stiegen ihr in die Augen und Sehnsucht in ihr Herz.
© Dia Nigrew/Claudia Wergin